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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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Menschen Brüder und von Natur gleichen Rechtes seien.Während noch Cicero erklärt hatte, in einem Knechte könne nichtsEdles existieren, adelte sie gleichsam den S k l a v e n st a n d, indem sieSklaven und Sklavinnen, die den Märthrertod erlitten, unter ihreHeiligen erhob. So durchbrach sie die furchtbare Verachtung, die ausdieser Menschenklasse ruhte, und arbeitete an ihrer Befreiung, indemsie die Freilassung von Sklaven als ein Gott wohlgefälliges Werkempfahl. Freilich dauerte es noch viele Jahrhunderte, bis die Sklavereiaus Europa verschwunden war, und die mildere Form derselben,die Leibeigenschaft, hat ja bis in unsere Zeit hinein bestanden. Wäh-rend der alte Grieche und Römer nur das Leben seines Mitbürgersschätzte und das Blut des Barbaren oder Unfreien ohne Scheu vergoß,lehrte die Kirche jedes Menschenleben heilig achten und ruhtenicht, bis die abscheulichen Gladiatorenspiele, in denen selbst dieedelsten Heiden nichts Verwerfliches mehr gesehen hatten, von Staatswegen verboten wurden. Auch setzte der Mut christlicher PriesterundKirchenfürsten nicht selten dem zügellosen Despotismus der Kaiserund ihrer Schergen eine Schranke. AlsTheodosius der Großewegen eines Tumultes in Thessalonich 7000 Menschen hatte nieder-metzeln lassen, wies ihn Ambrosius, der Bischof von Mailand, ausder Kirche, bis er für den Mord öffentlich Buße getan hatte. Alsvornehmste Christenpflicht galt die Linderung menschlichen Leidens,die Fürsorge für die Armen und Kranken, die bei den Heidennur sehr unvollkommen war. Jetzt wurden Vermächtnisse und Schen-kungen zu Gunsten der Armen etwas Gewöhnliches; überall er-hoben sich Kranken- und Waisenhäuser und milde Stiftungen jeder Art.Jedes Kloster wurde ein Mittelpunkt der Wohltätigkeit; auf den Felsender Wüste und in den Eisfeldern des Hochgebirges fand der hilfs-bedürftige Reisende von Mönchen gegründete Zufluchtsstätten. Undwer vermöchte vollends den Segen des stillen Waltens derer zu be-messen, die nach dem Erlöserworte handelten:Wenn du Almosengibst, so laß deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut!" Sohat das Christentum das Mitleid, diesen edelsten Trieb des Menschen-herzens, mächtig angefacht. Aber neben den Lichtseiten dürfen wirauch die Schatten nicht verhehlen. Ist es nicht ein betrübendes Zeichen