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das gebildetste Land Europas, und häufig zogen wißbegierige Christendorthin, um Mathematik, Astronomie und Arzneikunde zu studieren,welche Wissenszweige die Araber als gelehrige Schüler der Griechenvielfach bereicherten. Daher kommt es, daß eine Menge arabischerNamen in die Wissenschaft eingedrungen sind, wie Algebra, Ziffer,Zenith, Nadir, Almanach, Elixir, Sirup, Kali, Natron, Alkohol u. a.Die Araber haben uns auch die nach ihnen benannten Zahlzeichenvon den Indern und wahrscheinlich den Kompaß und dieFeuer -Waffen von den Chinesen gebracht. — Aber die schöne Geistesblütedes Islams war nicht von Dauer. Das Kalifenreich ging rettungslosseinem Verfalle entgegen. Die Abassiden waren trotz ihres Sinnesfür Kunst und Wissenschaft ein greuliches Despotengeschlecht, in welchemder Bruder den Bruder und der Sohn den Vater umbrachte, das denWohlstand der Untertanen durch Bürgerkriege und wahnsinnigenLuxus vergeudete. Bald kamen ihnen auch noch die letzten Herrscher-tugenden abhanden. Entnervte Weichlinge, der Spielball ihrerWeiber und Höflinge, waren sie nicht mehr im stände, zu regieren:sie sanken zu ohnmächtigen Scheinherrschern, zu bloßen geistlichenWürdenträgern herab. Um die wahre Gewalt stritten sich ehrgeizigeGenerale, die unter dem Titel Emir al Omra (Oberbefehlshaber)in Bagdad eine ähnliche Rolle spielten, wie die Hausmeier im Abend-lande, die aber den Zerfall des Weltstaates nicht zu hindern ver-mochten. Allerorten erhoben sich Herrscher, meist nur um wieder vonandern gestürzt zu werden; Reiche entstanden und vergingen wie derSchnee an der Sonne. Kein Wunder, daß darüber allmählich dieKultur des Morgenlandes zu Grunde ging. Die christliche Welt da-gegen raffte sich aus der Barbarei der Völkerwanderung aus. Kaumder Gefahr entronnen, die ihnen von feiten des Islams gedroht hatte,betraten die romanisch-germanischen Nationen unter der Füh-rung eines großen Herrschers die Bahn, die sie an die Spitze derMenschheit führen sollte, und auf eine wehvolle Kindheit folgte für siejetzt ein viel verheißendes Jünglingsalter.