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die Strohdächer von Tours vorziehen könne. Doch war das Reichnur dem Namen nach ein römisches. Der Sache nach blieb es einfränkisches, germanisches, wie denn auch der Kaiser für gewöhnlich inAachen Hof hielt, wo er der warmen Bäder wegen am liebsten weilte.
6. Karls Reichsordnung. — Eine schwere Aufgabe war es,die durch Eroberung zusammengebrachten Gebiete zu einem geordnetenGanzen zu verbinden. Zwar achtete Karl die eigenartigen Gesetzeund Sitten der einzelnen Völker; aber ihre Fürsten und Herzoge ent-setzte er, teilte das ganze Reich nach fränkischem Herkommen inGaue,die wieder in Hundertschaften zerfielen, einund stellte an die Spitzeeines jeden einen Statthalter oder „Grafen". Dieser hatte überdie öffentliche Ordnung zu wachen, für die Sicherheit der Straßenzu sorgen, Bußen und Steuern für den König einzuziehen und dieMannschaft des Gaues zum Kriege aufzubieten. Insbesondere lag ihmauch die Handhabung der R e ch t s p f l e g e ob. Dreimal im Jahremußten alle freien Männer einer Hundertschaft bei Buße an einembestimmten Orte, der „Malstatt", zusammenkommen. Hier hielt derGraf mit ihnen unter freiem Himmel im Schatten einer Linde oderEiche Gericht. Kläger und Angeklagte brachten ihre Sache und ihreZeugen vor; sieben vom Grafen gewählte angesehene Freie, Schöffengenannt, „fanden" das Urteil. Stimmte die umstehende Versammlungihrem Vorschlage zu, so wurde das Urteil vom Grafen feierlich ver-kündet und für seine Vollziehung gesorgt. Nur in solchen Volksgerichtenunter dem Vorsitz des Grafen durfte über Leben, Freiheit und Grund-eigentum gerichtet werden. Größere Befugnisse, als die gewöhnlichenGrafen, hatten die Markgrafen, denender Schutz der Marken, d.i.der Grenzbezirke, oblag. Um diese Statthalter zu beaufsichtigen unddas Volk vor ihrer Willkür zu schützen, ließ Karl besondere Beamte, dieSendgrafen oder Königsboten, alljährlich von Gau zu Gau reisenund sich von ihnen Bericht erstatten. Im ganzen Reiche galt sein Willeals Befehl; doch unternahm er nichts Wichtigeres ohne die Zustim-mung des Maifeldes, d.i. der Reichsversammlung, die alleFrühjahre stattfand und gewissermaßen an die Stelle der altdeutschenVolksversammlung getreten war. Die geistlichen und weltlichen Großendes Reichs, das aufgebotene Heer und das Volk aus der Umgegend