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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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Aber gerade dieser stolze Greis sollte den Wechsel der Zeiten aufsbitterste erfahren und zwar an der Nation, die bisher immer als dievorzüglichste Stütze der Kirche gegolten hatte, an Frankreich. Hierhatten sich die Capetinger aus ihrer anfänglichen Ohnmacht auf-gerafft und allmählich eine starke Königsgewalt geschaffen. Währendin Deutschland ein Kaiserhaus um das andere erlosch, war bei ihnenseit Jahrhunderten immer der Sohn auf den Vater gefolgt und derThron dadurch ihr unbestrittenes erbliches Besitztum geworden. Kräf-tige Herrscher hatten das Ansehen des Königtums gehoben und durchErbschaft, Heirat, Kauf oder Gewalt die bedeutendsten Herzogtümerund Grafschaften an ihr Haus gebracht. Damit war der Grund zurEinheit Frankreichs gelegt, und seine Könige galten als diejenigen,welche am ehesten Gehorsam in ihrem Reiche fänden. Bonisacius'Zeitgenosse auf dem französischen Throne war Philipp IV., genanntder Schöne, Ludwigs des Heiligen sehr unähnlicher Enkel, ein schlauerTyrann, der vor keinem Frevel zurückschreckte, wofern er zur Ver-größerung seiner Macht diente. Der Papst, der ja alle Könige nurals seine Statthalter betrachtete, wollte sich auch in Philipps Re-gierung einmischen und befahl ihm dieses und jenes. Als sich derKönig darum nicht kümmerte, richtete er drohende Schreiben an ihnund lud ihn zur Verantwortung vor ein Konzil nach Rom. Da ließPhilipp des Papstes Schreiben öffentlich zu Paris verbrennen undberief, um in seinem Volke einen sichern Rückhalt zu finden, eineReichsversammlung nach Paris, wozu er nicht nur die welt-lichen und geistlichen Großen, wie es bisher der Brauch gewesen,sondern auch Abgeordnete der Städte einlud (1302). Das waren dieersten Otats Oeneranx oder Reichsstände, wie man die Versamm-lung nannte, da Adel, Geistlichkeit und Bürgerstand darin ver-treten waren; die Bauern waren noch zu sehr mißachtet, als daß manauch sie dazu berufen hätte. Der König täuschte sich nicht; Adel undBürger stellten sich wie ein Mann auf seine Seite, und auch die Geist-lichkeit wagte nicht gegen ihn aufzutreten. Jetzt war es an ihm, denPapst mit Absetzung und Schande zu bedrohen. Aber dieser bliebdem König nichts schuldig, er schleuderte gegen ihn den Bann undwar im Begriff, seine Absetzung auszusprechen, als Bonisacius mitten

Oechsli, Bilder II und III. 1. 7