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schrankenlosen Müßiggänge Platz gemacht und oft galten sie als Herdeschamloser Unsittlichkeit. War es da zu verwundern, daß die Religionder Massen meist in roher Werkheiligkeit bestand! Wer recht vielGebete hersagte, wer fleißig fastete, Geld an die Kirche schenkte und zuMarienbildern und Heiligenreliquien wallfahrtete, denen man aller-lei Wunderkräfte zuschrieb, der hielt sich für fromm und glaubte einAnrecht auf die Gnade Gottes zu haben.
3. Die Konzilien zu Pisa und Konstanz (1414^-1418). —Schwer empfanden die wahrhaft Frommen diesen Zustand, und immerlauter erhoben sich die Stimmen, der Kirche tue eine Reform anHauptundGliedern not. Von den Lehrern der Hochschule zuParis, welche als die erste der Christenheit galt, ging der Ruf nacheiner allgemeinen Kirchenversammlung aus, die dem Schismaein Ende machen und die Reform an Hand nehmen sollte. Aus dieEinladung einer Anzahl Kardinäle trat wirklich ein Konzil in Pisazusammen, das erklärte, es stehe über den Päpsten, die beiden Gegen-päpste entsetzte und einen neuen wählte. Aber da jene sich weigerten,das Konzil anzuerkennen, und immer noch Anhänger fanden, hatteman jetzt drei Päpste statt zwei, und das Übel war ärger als zuvor.Zuletzt konnte Kaiser Sigmund den erbärmlichsten davon, Jo-hann XXIII., der früher einmal Seeräuber gewesen war, dazubringen, daß er 1414 eine neue Kirchenversammlung nach Konstanzberief. Mit der größten Erwartung sah die Christenheit dem Konzilentgegen. Aus allen Enden Europas strömten Teilnehmer herbei.Nie hatte die Welt hohe geistliche und weltliche Würdenträger aus allenNationen, den Papst und den Kaiser an der Spitze, in solcher Mengebeieinander gesehen. Mit ihrem Gefolge, den Kaufleuten, Gauklemund Neugierigen aller Art zählte man durchschnittlich 70,000 Fremdein Konstanz. Einer so stattlichen Versammlung vermochten die schis-matischen Päpste nicht stand zu halten. Johann XXIII., der zu ent-fliehen suchte, als ihn das Konzil zur Abdankung drängte, wurde mitSchimpf und Schande, unter der Anklage auf Giftmord und anderescheußliche Verbrechen entsetzt. Der zweite legte seine Gewalt frei-willig nieder; der dritte, der sich hartnäckig weigerte, sah sich von allerWelt verlassen, und das vom Konzil neugewählte Oberhaupt, Mor-