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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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2. Literatur. Wie hätte eine solche kunstsinnige Zeit nichtauch Unvergängliches in der Literatur hervorbringen sollen, zumal inItalien! Da schrieb der scharfsinnige Denker Macchiavelli (1469bis 1527) hochbedeutende Werke über Staat und Völkerleben, sowieeine Geschichte seiner Vaterstadt Florenz, die sich den Meisterwerkeneines Thukydides und Tacitus würdig anreihte. Da lebten die beidenDichter, die von ihren Landsleuten neben Tante am höchsten ge-ehrt werden, Ariosto (14741533), der Schöpfer des mutwilligenHeldengedichtes vomrasenden Roland", und Tasso (15441595),der in seinembefreiten Jerusalem" die Taten des ersten Kreuzzugesverherrlichte. Daß auch anderwärts die modernen Sprachen ansingenihre Blüten zu treiben, haben wir an dem Portugiesen Camoens(15241580) gesehen, der indes so wenig irdischen Lohn für seineLusiaden" fand, daß ein Sklave, den er aus Ostindien mitgebracht hatte,für ihn betteln mußte. In Spanien schrieb der treffliche Cervantes(15471616) den berühmtesten aller Romane, worin er in der Persondes närrischenDon Quijote" das verfallende Rittertum verspottete.Auch in Frankreich erstanden bedeutende Schriftsteller, wie der MönchRabelais (14831553), der im Gewände der Lebensgeschichte zweierRiesenGargantua und Pantagruel" die Mißbräuche in Kirche undStaat geißelte. Ähnliches taten in Deutschland der witzige Eras-mus von Rotterdam (14661536) und der geistvolle Ritter Ulrichvon Hütten (14881523) in einer Reihe von Schriften, die abermeist lateinisch geschrieben waren, so daß sie der Entwicklung der deut-schen Literatur wenig zu gute kamen. In England endlich blühtegegen Ende des Jahrhunderts William Shakespeare (15641616),der größte Schauspieldichter aller Zeiten.

3. Wissenschaft. An Gelehrsamkeit weteiferte mit Italienvornehmlich Deutschland, wo Fürsten und Städte seit einem Jahr-hundert eine Hochschule um die andere ins Leben gerufen hatten undnoch immer neue im Entstehen begriffen waren. Der Humanismusfand hier ein zweites Vaterland. Erasmus, der sich meist in Baselaushielt, wo er seine Bücher drucken ließ, wurde als Inbegriffalles humanistischen und theologischen Wissens angestaunt, und Reuch-lin aus Pforzheim genoß als Kenner des Griechischen und Hebräischen