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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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nicht von Zeit zu Zeit von ihm Schriften erschienen wären, die be-zeugten, daß der Löwe noch lebte.

8. Bildersturm in Wittenberg (1522). Aber die vonLuther begonnene Bewegung stand während seiner Abwesenheit nichtstille; sie ging sogar weiter als ihm lieb war. Seine Anhänger in Witten-berg, an deren Spitze der leidenschaftliche Professor Karlstadt stand,begannen die Kirchen zu stürmen, die Priester, welche Messe lesenwollten, daraus zu verjagen und die Heiligenbilder, Beichtstühle undAltäre zu zerschlagen. Zugleich erschienen sonderbare Schwärmer,Tuchweber aus der sächsischen Erzgebirgstadt Zwickau, in Wittenberg,die sich göttlicher Offenbarungen rühmten, vom Töten aller Psassenund Gottlosen sprachen und unter anderem die Kindertaufe verwarfen.Diese Wiedertäufer hielten sich für auserwählt, dasReich Gottesauf Erden" zu verwirklichen, in welchem es keine Armen und Reichen,keine Priester, keine Dbrigkeiten, keine Gelehrten und keine Schulenmehr geben dürfe, da der Geist die Frommen von selbst erhelle. DieTorheiten Karlftadts und der Zwickauer, die schon anfingen, die Schulenzu schließen, machten viele bedenklich, die anfänglich freudig zu Luthergestanden hatten. Als dieser auf solche Weise sein Werk gefährdetsah, verließ er trotz der Abmahnungen des Kurfürsten sein Versteck,eilte nach Wittenberg, stellte durch die Gewalt seiner Predigt wiederOrdnung her und nahm nun die Reform in seine Hand.

9. Sickingen und Hütten (1523). Daß der geächtete undgebannte Mönch es wagen durfte, in Wittenberg wieder öffentlich zuerscheinen, und von da an sein Lehr- und Predigtamt unangefochtenbekleiden konnte, ist der beste Beweis, wie gewaltig inzwischen seineIdeen um sich gegriffen hatten. Die gcnze deutsche Nation schien sichvoll Haß und Verachtung von Rom abzuwenden.Wo drei beieinanderstehn", äußerte ein deutscher Prälat,sind wenigstens zwei davonlutherisch." Allerorten traten die Geistlichen und Laien, Gelehrte und Un-gelehrte auf, die dem Volke die neuen Lehren verkündeten, und wodie Prediger nicht hinkamen, dahin drangen die zahllosen Erzeugnisseder Druckerpresse, die jetzt zum erstenmal ihre ganze Macht entfaltete.Mönche und Nonnen verließen ihre Klöster, Priester traten in die Ehe,und aller Gehorsam gegen Papst und Bischöfe hörte auf. Ein Teil