182 —
Wechsel trat. Von allen Seiten her strömten Glaubensflüchtlinge indie gastliche Lemanstadt, um als begeisterte Anhänger Calvins nachHause zu kehren. So der feurige Eiferer JohnKnox (spr. Nox), dernach Calvins Grundsätzen die Kirche Schottlands reformierte. InEngland bildete sich die mächtige Partei der Puritaner, die das-selbe Ziel anstrebte. Andere calvinische Apostel durchzogen die Nied er-land e und machten durch ihre Predigt das Volk Rom und Wittenbergzugleich abspenstig. Sein Hauptaugenmerk richtete Calvin jedoch aufsein Vaterland Frankreich, dessen Bekehrung der Traum und dasZiel seines Lebens war. Für diesen Zweck vornehmlich errichtete er1559 eine Pslanzschule für reformierte Geistliche in der berühmtenGenfer Akademie, und trotz der blutigsten Verfolgungen gelang esseinen Sendlingen, die protestantische Kirche in Frankreich fest zu be-gründen. Von Genf aus empfing diese ihre Gesetze, und der GenferParteiname „Hugenotten" wurde derjenige aller französischenReformierten.*) So war das calvinische Genf zum Mittelpunkt einergroßen europäischen Religionspartei geworden; es galt als das „pro-testantische Rom" und sein Lenker als der „protestantische Papst". —Leider traf diese Bezeichnung auch in anderem Sinne zu. Fern vonder edlen Milde Zwinglis besaß Calvin den unduldsamen StarrsinnLuthers noch in verschäftem Maße, ohne dessen fröhliche Laune. Wiedieser hielt er sich für das auserwählte Werkzeug Gottes und duldetekeinen Widerspruch. Wer seinen Ansichten nicht huldigte, mußte dieStadt verlassen oder wurde hingerichtet. Den Spanier Servet, derdie Dreieinigkeitslehre als Vielgötterei verwarf, ließ er, als er in GenfZuflucht suchte, als Ketzer lebendig verbrennen und erntete dafür denBeifall Bullingers und Melanchthons. Doch fehlte es nicht an Stim-men, die sich laut dagegen erhoben, daß die Reformierten das Ver-fahren der römischen Kirche gegen Andersgläubige nachahmten, undgerade bei diesem Anlaß dämmerte die Erkenntnis auf, daß die wahreGröße des Protestantismus nicht darin liege, ein erzwungenes Glaubens-
*) „ExZusnot, LuZuenot, tluZuenot" sind verschiedene Stufen der Ver-derbnis des Wortes „Eidgenoß", des Parteinamens derjenigen Genfer, welchefür den Anschluß an die Eidgenossen waren, statt an Savoyen.