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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 2. Bd. (zweiter Teil und dritter Teil / 1. Hälfte) Mittlere und neuere Geschichte
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Sahara mit seinen gefährlichen Sandbänken schreckte von allem wetternVordringen ab. Überdies galt es von alters her als eine unumstößlicheWahrheit, daß die senkrechten Sonnenstrahlen alles Leben versengtenund deshalb die Zone zwischen den Wendekreisen unbewohnbar sei, eineAnsicht, welcher der ungeheure Wüstengürtel vom Atlantische» Ozeanbis nach Persien hinein Recht zu geben schien. Man glaubte sogar, dasMeer fange gegen den Aequator hin an zu kochen oder sei so salzig, daßein Schiff die dickflüssige Masse nicht mehr zu spalten vermöge. Zu denwenigen, die sich durch das Ansehen der Alten und den Aberglauben derMenge nicht einschüchtern ließen, gehörte der portugiesische Jufaut(Prinz) Heinrich, der es zur Aufgabe seines Lebens machte, den Schleiervon dem benachbarten Erdteile zu heben. Er hatte dabei mit vielenSchwierigkeiten zu kämpfen. Obgleich der Kompaß schon seit dem12. Jahrhundert in Europa bekannt*) und damit das Mittel gegebenwar, zu jeder Zeit auf offener See die Richtung zu erkennen, wohin mansegelte, so waren doch die Portugiesen noch so furchtsame Seeleute, daßsie nicht wagten, bei ihren Fahrten die Küste aus den Augen zu verliere».Daher drangen die von Prinz Heinrich abgesandten Schiffer an derKüste der Sahara lange Zeit nicht weiter als bis'zum Kap Bojador,wo sie, von der Brandung eines mehrere Meilen weit vorspringendenRiffs erschreckt, umkehrten. Im Jahre 1434 getraute sich endlich einerseiner Edelleute, Gil Eaunes, das gefährliche Vorgebirge zu umsegeln,und damit war der Zauber gebrochen. Strecke um Strecke der Küstewurde jetzt erforscht und als dasgrüne" Vorgebirge mit seinen herr-lichen Palmenwäldern sich den Blicken der Portugiesen enthüllte, als siean die von Menschen gefüllten Gestade Senegambiens kamen, da ver-schwand das Schreckbild der versengten Tropenzone mit einem Male.Der Tauschhandel mit den Eingeborenen und leider auch der Menschen-raub, womit der scheußliche Negerhandel seinen Anfang nahm, machtendiese Entdeckungsfahrten bald zum einträglichen Geschäfte, zu dem sich

*) Schon um 1190 erwähnt ein nordfranzösischcr Dichter Gnit von Provinsdie Magnetnadel, die nach dem Polarstern zeige. Die gewöhnliche Erzählung,wonach Flavio Gioja aus Amalfi (bei Neapel) um 1300 den Kompaß erfundenhaben soll, ist demnach unrichtig. Bei den Chinesen war er schon seit dem 4. Jahr-hundert n. Chr. im Gebrauch. Siehe S- 42.