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Welt zu tragen, sie zum Gemeingut der Menschheit zu machen unddurch sie den Fanatismus, den Aberglauben, die Geistesknechtschaftjeder Art zu bekämpfen. Während eines langen Lebens verfolgte Vol-taire diesen Zweck mit unermüdlicher Tätigkeit. Dramen, Romane,Gedichte, Flugschriften, naturwissenschaftliche und philosophische Ab-handlungen, Geschichtsmerke,*) Wörterbücher, alle irgend denkbarenFormen der Schriftstellerei dienten ihm zu diesem einen Ziele. Durchdie wunderbare Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit seines Geistes, dieSchärfe seines unerschöpflichen Witzes, die Anmut, Klarheit und Fein-heit seiner Sprache erlangten seine Schriften eine beispiellose Ver-breitung. Voltaire wurde der berühmteste Schriftsteller, der „Geistes-könig" des 18. Jahrhunderts, um dessen Beifall die ersten Monarchenbuhlten. Die Könige von Dänemark und Schweden, Katharina vonRußland und Friedrich der Große von Preußen standen mit ihm inregelmäßigem Briefwechsel. Und nicht nur in Worten, auch mit derTat wirkte Voltaire für seine Sache. In seinem Schlosse zu Ferner)an der Schweizergrenze, nahe bei Genf, wo er während der letzten20 Jahre seines Lebens sich aufhielt, fand jeder unschuldig Verfolgteund Unterdrückte liebreiche Aufnahme und einen unerbittlichen Rächer.Ein greiser protestantischer Kaufmann in Toulouse, namens Calas,war angeklagt worden, er habe seinen Sohn ermordet, weil dieser dieAbsicht gehabt habe, zum Katholizismus überzutreten. Obschon er un-schuldig war, wurde er doch gefoltert, gerädert, fein Gut eingezogenund die Kinder ins Kloster gebracht. Die Witwe des Unglücklichenfloh zu Voltaire, der die öffentliche Meinung ganz Europas für sie indie Schranken rief und nicht eher ruhte, als bis der Prozeß auf Be-fehl des Königs revidiert, das Andenken des Calas wiederhergestelltund seine Familie entschädigt war. Auch anderer Opfer der elenden
*) Don Bleibendste, was Voltaire geschaffen, sind seine historischen Werke,nanientlich der klssni snr lo« inwnrs et I'e»piit «tos nations, eine allgemeineGeschichte, welche nicht nur ein umfassendes Wissen verrät, sondern durch eineganz neue Auffassung der Geschichte epochemachend wurde. Er wollte darin nichtlehren, „in welchem Jahre ein Fürst auf den andern folgte, sondern wie derGeist, die Sitten nnd Bräuche der wichtigsten Nationen beschaffen waren und wiedie Menschheit stufenweise von der barbarischen Roheit früherer Zeiten zu derGesittung der nnsrigen emporgestiegen ist."