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Bilder aus der deutschen Geschichte.
Recht zu, ihm einen Eid mit sechs „Eidhelfern" entgegenzustellen. Die Schöffen sprachendas Urteil. Dieses lautete, wenn nicht Freisprechung erfolgte, auf Geldbuße, Ver-bannung oder Todesstrafe. Letztere wurde dadurch vollzogen, daß man den Verurteiltensofort an dem nächsten Baum aufknüpfte. Erschien der Verklagte nicht, so wurde erfür schuldig erkannt und „verfemt". Er wurde von allen Wissenden verfolgt. Keinerdurfte das Urteil verraten, aber alle waren verpflichtet, es zu vollstrecken. Zum Zeichen,daß der Verurteilte der Feme verfallen sei, steckte man ein Messer neben dem Getötetenin die Erde. Die Femgerichte verbreiteten sich nach und nach über ganz Deutschland.Verfolgte und Bedrückte aus fernen Gegenden suchten Schutz und Recht bei der „heiligenFeme", wenn sie ihnen von den heimischen Gerichten versagt blieb.
Rudolf von Habsburg.
19. Wudolf von Kaösöurg (1273-1291).
Wahl und Krönung. Nach dem Tode Richards von Cornwallis traten diedeutschen Fürsten zusammen, um wieder einen König zu wählen. Ihr Augenmerk
war darauf gerichtet, einen Fürsten auf denThron zu heben, der nicht allzumächtig sei.Sie hatten nämlich in der kaiserlosen Zeitbösem Beispiel folgend sich eine Mengelandesherrlicher Rechte und Einkünfte an-geeignet und mußten fürchten, daß ihnendiese durch einen mächtigen Kaiser wieder ab-genommen würden. Da gelang es dem Erz-bischof Werner von Mainz, die Wahl aufden Grafen Rudolf von Habsburg zu lenken,der in der Schweiz und ini Elsaß nur mäßigbegütert war. Er hatte ihn gelegentlich einerReise nach Rom kennen gelernt, wo Rudolfihm das Geleit durch sein Gebiet gab. Beiseiner erprobten Tapferkeit, Redlichkeit undKlugheit war zu hoffen, daß Rudolf der Ge-setzlosigkeit steuern und die Ordnung imReiche wiederherstellen werde. Was besonders für ihn einnahm, war seine Fröm-migkeit und die Zuneigung, die er der Kirche und ihren Dienern von jeher erwiesenhatte. („Der Graf von Habsburg" von Schiller.)
Rudolfs Krönung fand in Aachen mit großer Feierlichkeit statt. Bei der Be-lehnung fehlte das Zepter. Es war ein peinlicher Augenblick. Da ergriff Rudolfkurz entschlossen das Kruzifix und sprach: „Dies Zeichen, unter dem die Welt erlöstworden ist, wird wohl die Stelle des Zepters vertreten können!" — Zur Kaiser-krönung nach Rom zog Rudolf nicht. Er sagte, Italien erscheine ihm wie die Höhleeines Löwen: Viele Tritte führten hinein, aber nur wenige wieder heraus.
Ottokar von Böhmen. Nur Ottokar von Böhmen, der selber nach der Kronestrebte, wollte Rudolf nicht anerkennen. Er verweigerte die Huldigung und erschiennicht auf dem Reichstage. Da sprach Rudolf die Acht gegen ihn aus und erklärteÖsterreich, Steiermark, Körnten und Krain für Heimgefallene Reichslehen. Rudolfrückte mit Heeresmacht in Österreich ein und nötigte Ottokar zur Abtretung seinerLänder mit Ausnahme von Böhmen und Mähren. Kaum aber hatte Rudolf dasReichsheer entlassen, als Ottokar wieder zu den Waffen griff. In der Entscheidungs-schlacht auf dem Marchfelde (1278) verlor er Thron und Leben. Österreich,Steiermark und Krain verlieh Rudolf seinen Söhnen und wurde so der Gründerder habsburgisch-österreichischen Hausmacht. Körnten erhielt Rudolfs treuerBundesgenosse Graf Meinhard von Tirol, Böhmen und Mähren wurde OttokarsSohn überlassen, der sich mit einer von Rudolfs Töchtern verheiratete. Auch inSchwaben und Elsaß gelang es dem König, viele dem Reich entfremdete Lehen, Güterund Rechte wieder zu erwerben.