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Bilder aus der deutschen Geschichte.
nebst den Bistümern Magdeburg. Halberstadt. Minden und Kamin. Bayern durftedie Oberpfalz behalten, mußte aber die Rheinpsalz an den Sohn des geächteten Kur-fürsten Friedrich. Karl Ludwig, herausgeben. Für diesen wurde die achte Knrwürdeerrichtet. Was die Religion betrifft, so wurde der Angsbnrger Religions-friede von neuem bestätigt und auch auf die Reformierten ausgedehnt.Wegen Zurückgabe der Kirchengüter wurde das Jahr 1624 als das entscheidende an-genommen. Den deutschen Fürsten wurde in ihren Gebieten die volle Landeshoheitzugesprochen und damit die kaiserliche Gewalt zu einem bloßen Schattenbilde erniedrigt.
29. Aokgen des dreißigjährigen Krieges.
Wirtschaftliche Zustände. Die Landwirtschaft litt noch unter den Nachwehen desBauernkrieges, als ihr der 30jährige Krieg einen noch härteren Schlag versetzte. DieBevölkerung Deutschlands ward durch den Krieg und die ihm nachfolgenden verheerendenKrankheiten in ganzen Landschaften auf '/g, ja nicht selten auf >/g des früheren Bestandesherabgebracht. Ganze Dörfer waren durch Einäscherung verschwunden. Viele derselbenwurden gar nicht mehr aufgebaut. Andere Dörfer waren durch Ermordung oder Fluchtihrer Einwohner dermaßen verödet, daß erst neue Ansiedler kommen mußten, um siewieder zu bevölkern. Pfarrer Minck aus Groß-Bieberau zählt in seinen denkwürdigenAufzeichnungen aus jener Zeit eine ganze Reihe von Orten auf, in denen kaum r /20 derfrüheren Bevölkerung und keine „Klaue Viehs" übrig blieb, oder die ganz unbewohntwaren, und fährt fort:
„Durch solchen Krieg, Pestilenz, Teuerung und Hungersnot sind der Leute so wenigim Land geworden, daß unsere Nachkommen es schwerlich glauben werden. Und solcheWenigkeit der Leute — und daß jetzt so wenig Pflüge ins Feld geführet werden, gestalt,daß von 1634 an nicht mehr als mein und eines Nachbars Pflug hier gesehen worden— verursachte, daß die Fluren dermaßen mit Tannen bewachsen, daß man sie nicht fürÄcker, sondern für Wälder erkennen kann. — Wer fortkommen konnte, zog in ein anderLand. Andere blieben, hackten etwa ein Stück Feldes, spannten sich in Eggen ein, je zweioder drei zusammen. Im Erbach'schen Lande habe ich gesehen, daß etliche Männer sich ineinen Pflug gespannt und geackert haben."
Und solche Verwüstungen werden nicht nur aus einzelnen Gegenden Deutschlandsberichtet, sondern nahezu aus allen. Nach wiedererlangten: Frieden fehlte es daher anHänden, Vieh, Saatgetreide, Werkzeugen und Gebäuden. So erklärt es sich, daß in vielenGegenden ein Menschenalter lang ein Teil des früheren Fruchtlandes unbebaut lag. In-folgedessen sank auch der Wert des Bodens. So wurde in Bayern ein Gut, das früher2000 Gulden gekostet hatte, für 80 weggegeben. Im Altenburgischen wurden Güter, derenBesitzer gestorben oder verdorben waren, denen gegeben, die sich verpflichteten, die daraufrückständigen Abgaben zu bezahlen. Nicht viel besser als in der Landwirtschaft stand esim Handel und Gewerbe. Das Kunstgewerbe, das vor dem Kriege eine so Hohe Stufeeingenommen hatte, war ganz verschwunden. Die berühmtesten deutschen Maler: AlbrechtDürer, Hans Holbein und Lukas Cranach hatten vor dem verderblichen Kriegegelebt. Alle nach dem 30jährigen Krieg entstandenen Gebäude zeigen im Vergleich mitdenen aus früherer Zeit etwas Nüchternes, Kahles, Ärmliches.
Das sittliche Leben des deutschen Volkes nach dem 30jährigen Kriege steht in einemscharfen Gegensatz zu der Zeit unmittelbar vor demselben. Die Tatkraft des Bürgertunisist gebrochen. An Stelle der alten Ehrbarkeit ist ein schwindelhaftes Haschen nach äußeremGlänze getreten, an Stelle des Gemeinsinns trat die maßlose Selbstsucht. Trotz desfurchtbaren Elends, welches der Krieg über den Einzelnen wie über ganze Länder gebrachthatte, ergaben sich die Menschen einem tollen Rausche des Vergnügens, der Zerstreuungund der Schwelgerei. Keine Zeit ist so reich an Polizeiverordnungen gegen den Luxus inKleidern und Mahlzeiten als die, von der eben die Rede ist. Dazu kam die Verleugnungdes Deutschtums. Die Sprache wurde verhunzt durch Einmischung aller möglichen fremdeilWörter und Wendungen. Man schämte sich seiner deutschen Sprache und hielt es für fein,dem Franzosen, dem Spanier oder Italiener nachzuäffen. Und als ob es an dem Kriegs-jammer nicht genug sei, erreichte gerade um diese Zeit das Hexenwesen seinen höchstenGrad. Ganze Gemeinden, Herrschaften und Fürstentümer wurden dadurch geplündert,entsittlicht und entvölkert. Die Familienbande wurden zerrissen, das Vertrauen zwischenFreunden und Nachbarn gestört, das Verhältnis zwischen Obrigkeiten und Untertanen