Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst.
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vergiftet. In den Verdacht der Hexerei konnte das Größte wie das Kleinste, das Ernstestewie das Lächerlichste bringen: ungewöhnliche Schönheit wie ungewöhnliche Häßlichkeit,außerordentliche Einfalt wie hervorragender Verstand. Brach irgendwo eine ansteckendeKrankheit aus, die Hexen hatten sie angerichtet; wütete eine Viehseuche, die Unholdenhatten sie gemacht; mißriet Getreide und Futter, fiel Hagel, kam Wassers- oder Feuersnot,gab eine Kuh schlechte Milch, krepierte ein Schwein, verlegte ein Huhn, ging etwas ver-loren, wurde etwas gestohlen — an allem trugen die Hexen die Schuld. Geriet jemandin den Verdacht der Hexerei, so wurde er eingekerkert, durch entsetzliche Martern zu einemGeständnis gezwungen und verbrannt. Tausende von Menschen fielen diesem Wahnezum Opfer. Noch ragt hie und da ein „Hexenturm" als trauriges Erinnerungszeichenmenschlicher Verirrung in die Gegenwart herein (Lindheim). Viele glaubten, man könnesich hieb-, stich- und schußfest machen, oder Freikugeln gießen, die nie ihr Ziel verfehlten.Soldaten kauften von Betrügern Schutzbriefe, um vor Verwundungen sicher zu sein. Vieleschlössen Bündnisse mit dem Teufel, um Reichtum zu erlangen oder die Gabe, verborgeneSchätze zu finden.
Auch auf wifsenschastlichem Gebiete war Deutschland sehr zurückgegangen. DieHochschulen standen leer, denn Lehrer und Schüler hatten die Unbilden des Krieges ver-trieben. Eine Anzahl bedeutender Gelehrten flüchtete ins Ausland und kehrte nicht wiederzurück, bereicherte vielmehr mit ihren Kenntnissen und dem Glanz ihrer Namen fremdeLehranstalten. Der berühmte Astronom Kepler mußte beim Reichstag in Regensburg umWiedererstattung seines ihm entzogenen Gehalts betteln und starb vor der Zeit in Elendund Dürftigkeit. So ward Deutschland auch im wissenschaftlichen Wettkampfe weit zurück-geworfen und gezwungen, gleichsam von neuem zu beginnen.
Die kräftige bürgerliche Dichtung, wie sie das Mittclalter auswies, verstummtezuletzt gänzlich. An ihre Stelle trat eine Kunstdichtung, die nicht aus dem Herzen strömte,sondern nach Mustern und Regeln mühsam zurechtgemacht wurde. Mehr als ein Jahr-hundert verging, bis es hier wieder besser wurde.
30. Ariedrich Wilhelm, der „große Kurfürst" ( 1640 — 88 ).
Rückblick. Wie bereits bekannt, wurde Friedrich Vk. von Hohenzollern, Burg-graf von Nürnberg, von Kaiser Sigismund mit der Mark Brandenburg belehnt. Vor-her war das Land an Herzog Jobst von Mähren, einen wahren Blutsauger, verpfändetgewesen. Daneben verbreitete eine Gesellschaft von Raubrittern Angst und Schrecken.Die schlimmsteil von allen waren die beiden Quitzows, denen 24 Burgen Sicherheitboten. Als der neue Herr erschien, wurde ihm der Gehorsam verweigert. Einerder Aufrührer prahlte: „Und wenn es ein Jahr lang Burggrafen regnete, so solltensie doch in der Mark nicht auskommen!" Unverzagt griff Friedrich die Burgenseiner Gegner an und eroberte mit Hilfe der märkische» Bauern eine nach derandern. Gute Dienste leistete ihm dabei eine „Donnerbüchse", die man wegenihrer Schwerfälligkeit im scherz nur die „faule Grete" nannte. Ihren Kugelnwiderstand auf die Dauer keine Mauer. Nachdem die Führer besiegt waren, unter-warf sich der Adel. Friedrichs Nachfolger traten in seine Fußstapfen. Als gewissen-hafte Regenten, tapfere Krieger und kluge Haushalter wußten sie den Wohlstand unddie Macht des Landes zu mehren. Joachim II. führte die Reformation ein. JohannSigismund erwarb durch Erbschaft die Herzogtümer Kleve am Niederrhein undPreußen, das Land des deutschen Ritterordens.
Das Herzogtum Preußen. Die Preußen, welche an der unteren Weichselwohnten, hatten lange an ihren» Heidentum festgehalten. Da kamen zu Anfang des13. Jahrhunderts Mönche ins. Land, um das Christentum zu verbreiten. Aber dieBekehrten hatten von ihren heidnischen Landsleuten viel Ungemach zu erdulden. Des-halb wandte sich der Mönch Christian aus dem Kloster Oliva bei Danzig an denDeutschen Orden. Dieser wanderte von Jerusalem aus und eroberte Preußen nach50jährigen schweren Kämpfen. Der Hochmeister hatte seinen Sitz in Marienburg.Durch eingewanderte Deutsche wurden neue Niederlassungen gegründet, Wälder gerodet.Sümpfe trocken gelegt und das ganze Land der Kultur und dem Christentum ge-wonnen. Im 15. Jahrhundert wurde der Orden in einen Krieg mit Polen ver-