Buch 
Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
Entstehung
Seite
87
JPEG-Download
 

Deutschland und Ludwig XIV. von Frankreich.

87

entriß ihm der Neid. Holland und Frankreich vertrugen sich im Frieden zu Nym-wegen, und der Kurfürst, vorn Kaiser und den übrigen Bundesgenossen ini Stichgelassen, mußte im Frieden von St. Germain (sang schermäng) fast alle seineEroberungen in Pommern an Schweden zurückgeben. Es blieb ihm nur einschmaler Landstrich auf dem rechten User der Oder. Zürnend fügte er sich in dieNotwendigkeit und sprach:Möge aus meinen Gebeinen einst ein Rächer erstehen!"

31. Deutschland und Ludwig XIV. von Frankreich.

Ludwig XIV. Dieser ehrgeizige und hochstrcbende König hatte 72 Jahre langden französischen Thron inne. Er hatte das Glück, in allen Zweigen der Verwaltungdie tüchtigsten Männer um sich zu haben. Sein weiser Finanzminister Colbert wußtedurch Förderung des Gewerbfleißes, des Handels und der Schiffahrt den Wohlstandzu heben und die Staatskassen zu füllen. Sein Kriegsminister Louvois schuf zahl-reiche wohlgeübte Heere, die von vortrefflichen Feldherren geführt wurden. Ludwig Xl.V.erhob das Königtum zu unumschränkter Gewalt. Sein Wille galt, sonst keiner. SeinWahlspruch war:Der Staat bin ich!" Fast seine ganze Regiernngszeit ist mitKriegen angefüllt, die ohne berechtigte Ursache, aus reiner Eroberungssucht unter-nommen worden sind. Am meisten hatte unter dieser Kriegslust Deutschland zu leiden,das durch den verderblichen 30jährigen Krieg entvölkert und geschwächt war. Dabeifehlte ihm die Einheit, denn es war in eine Unzahl selbständiger Staatswesen zer-splittert. Kaiser Leopold, der für Deutschlands Ehre hätte eintreten sollen, war zwarein gelehrter, kunstverständiger Herr, aber kein Kriegsmann.

Wegnahme Straßburgs. Ludwig begnügte sich nicht mit dem, was Deutschlandim westfälischen Frieden an Frankreich abgetreten hatte, sondern beanspruchte auchnoch das, was ehemals mit diesen Gebieten verbunden gewesen war. Um seinem Vor-gehen einen Schein des Rechts zu verleihen, errichtete er in Elsaß und Lothringenvier Reunionskammern, die untersuchen sollten, was ehemals zu den von Frank-reich erworbenen Bistümern, Städten, Schlössern rc. gehört habe. So wurden600 Städte, Dörfer, Flecken rc. beansprucht und mit Soldaten besetzt. Die Kroneaber setzte Ludwig seinem Raubsystem dadurch auf, daß er am 30. September 1681,mitten im Frieden, die freie Stadt Straßburg besetzte. Die Bürgerschaft wurdeentwaffnet und mußte knieend den Huldigungseid leisten. Von ihrem eigenen Bischofwie von dem Stadtvorstand verraten, von Kaiser und Reich ohne Lrchutz gelassen,fügte sich die Bürgerschaft in das Unvermeidliche; denn im Falle eines Widerstandesdrohte Krieg und Vernichtung, während bei freiwilliger Unterwerfung Schutz derstädtischen Rechte und die Erhaltring der Religionsfreiheit zu hoffen war. Stattmit vereinten Kräfteir solchen Übermut zu strafen, schloß das Reich mit dem Despoten einen zwanzigjährigen Waffenstillstand.

Die Türken vor Wien. Vielleicht hätte Kaiser Leopold I. sich dennoch er-mannt, den französischen Rechtsverletzungen mit Waffengewalt entgegenzutreten, aberLudwig XIV. hetzte ihm die Türken auf den Hals. Mit 200 000 Mann rückte derGroßvezier Kara Mustafa sengend und brennend vor die Mauern Wierrs. Der kaiser-liche Hos flüchtete nach Linz. Aber der Heldenmut der Bürger Wiens und die Um-sicht und Entschlossenheit des Befehlshabers Rüdiger von Starhemberg bewirkten,daß die Stadt 60 Tage lang allen Stürmen Trotz bot, bis die von Karl vonLothringen befehligte Reichsarmee und ein mit dieser vereinigtes Heer unter demPolenkönig Johann Sobiesky zu Hilfe kam. In einer blutigen Schlacht unterden Mauern Wiens wurden die Türken geschlagen (1683). Sie zogen eilig ab undließen ihre Zelte mit unermeßlicher Beute in den Händen der Sieger. Die Türkenerhoben einen anderen Sultan auf den Thron und wagten neue Züge nach Öster-reich. Aber die tapferen Feldherren Karl von Lothringen, Prinz Eugen von Sa-voyen und Ludwig von Baden hielten den Sieg bei den österreichischen Fahnen fest.