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Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
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Bilder aus der deutschen Geschichte.

37. Die französische Staatsumwälzung.

Ursachen. Durch viele Kriege und eine üppige Hofhaltung hatte Ludwig XIV.sein Land in Schulden gestürzt. Ludwig XV. trieb es noch schlimmer. An seinem Hofeherrschte ein sittenloses Leben, das ungeheure Summen verschlang. So wurde die Schulden-last immer größer, und die Steuern waren nicht mehr zu erschwingen. Dabei waren derAdel und die Geistlichkeit, denen zwei Drittel von Grund und Boden gehörten, vonSteuern frei. Die ganze Last lag also aus den Schultern des Volkes, das daneben nochdurch Zehnten, Frondienste rc. über Gebühr belastet war. Verschiedene Schriftsteller, wieVoltaire, Rousseau u. a., hatten durch ihre Schriften den Glauben an Gott und eine gött-liche Weltordnung untergraben, das Christentum verächtlich gemacht und die Achtung vordem Gesetz vernichtet. In Amerika hatten die englischen Kolonien sich vom Mutterlandelosgerissen und in mehrjährigem Kriege ihre Selbständigkeit erkämpft. Heimgekehrte Kämpferstreuten die Gedanken von Freiheit und Gleichheit unter das Volk. Es dünkte manchemnicht allzu schwer, auch in Frankreich das Beispiel der Bereinigten Staaten von Amerikanachzuahmen. Unter diesen Umständen starb Ludwig XV., und sein Sohn Ludwig XVI.folgte ihm auf den Thron. Dieser war einfach, sparsam und vom besten Willen beseelt.Aber das Verhängnis aufzuhalten, dazu war er zu schwach.

Ausbruch der Staatsnmwälzung. Um Mittel und Wege aufzufinden, wie dieGeldnot zu beseitigen sei, berief der König die Stände, die seit 150 Jahren nicht mehreinberufen waren, nach Versailles (1789). Von den 1200 Abgeordneten gehörte die Hälftedem Bürgerstande und je ein Viertel dem Adel und der Geistlichkeit an. Man verlangte,daß die Lasten gleichmäßig verteilt würden. Darauf gingen aber die seither bevorzugtenStände nicht ein. Man ließ kein Mittel unversucht, dieselben zur Billigkeit zu bewegen.Da erklärten endlich die bürgerlichen Abgeordneten, sie allein seien die wahren Vertreterdes Volkes, bezeichneten sich alsNationalversammlung" und beschlossen eine Ver-fassung. Aber die Ereignisse kamen ihren Beschlüssen zuvor. Rohe Haufen erstürmten am14. Juli die Bastille, ein festungsartiges Gefängnis, und metzelten die Schweizergarde,welche dasselbe verteidigte, unbarmherzig nieder. Sodann zogen sie nach Versailles undnötigten die königliche Familie zur Übersiedelung nach Paris. Durch die National-versammlung wurde nun die Macht des Königs erheblich beschränkt; Adel und Geistlichkeitverloren ihre Vorrechte; die Klöster wurden aufgehoben, die Kirchengüter und die Be-sitzungen des Adels eingezogen und als Nationaleigentum erklärt. Alles dies hatte derfriedliebende König gutgeheißen, aber noch war man mit dem Erreichten nicht zufrieden.Das Volk wurde immer vermessener und achtete weder Gesetz noch Recht. Da der Königsich in Paris nicht mehr sicher fühlte, so entfloh er mit seiner Familie. Nahe derlothringischen Grenze wurde er jedoch beim Pferdewechsel von dem Postmeister erkannt,gefangen genommen und wieder nach Paris gebracht. Alan wies der königlichen Familieden Tempel, ein Schloß des früheren Templerordens, als Wohnung au und behandelte sieals Gefangene. Schließlich beschuldigte man den König des Landesverrats, erklärte ihnfür abgesetzt und verurteilte ihn zum Tode. Am 21. Januar 1793 wurde das Urteilvollstreckt. Dasselbe Schicksal erlitt seine Gemahlin Maria Antoinette, eine Tochter derKaiserin Maria Theresia, die als Ausländerin besonders verhaßt war. Ihr Söhn wurdeeinem rohen Menschen, dem Schuster Simon, übergeben, der ihn körperlich und geistig zu-gründe richtete. Er starb 1795.

Schreckensherrschaft. Nach der Hinrichtung des Königs begann in Frankreich einewahre Schreckensherrschaft. An Stelle der gesetzgebenden Versammlung trat der Ratio nal-konvent. Dieser übertrug die Regierung au den Wohlfahrtsausschuß, an dessenSpitze Marat, Danton, Robespierre und andere Blutmenschen standen. Niemandwar seines Lebens sicher. Auf den bloßen Verdacht hin, Feinde der Regierung zu sein,wurden Tausende ins Gefängnis geworfen und dem Fallbeil überliefert. Man schaffte dasChristentum ab, plünderte die Kirchen und stürzte die Altäre um. Nicht einmal einenGott sollte es mehr geben; statt dessen verehrte man die Tngend und die menschliche Ver-nunft. Nach einem halben Jahre ordnete Robespierre den Glauben an einhöchstes Wesen"wieder an. Um alles von Grund aus zu ändern, wurde eine neue Zeitrechnung, sowie einneues Maß und Gewicht eingeführt. Die unmenschlichen Gewalthaber wurden endlich vonihren früheren Genossen selber gestürzt und starben zum Teil aus demselben Blutgerüst,wo ihre Opfer den Tod gefunden hatten. Nach und nach kamen gemäßigtere Leute ausRuder. Der Nationalkonvent übertrug die Regierung zwei Kammern, einemRat derAlten" und einemRat der Fünfhundert". Die vollziehende Gewalt übten fünfDirektoren.