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Bilder aus der deutschen Geschichte.
drang Napoleon bis Wien vor. Zwar hinderte ihn Erzherzog Karl in der zwei-tägigen Schlacht bei Aspern an dem Übergang über die Donau und erschüttertedamit den Glauben an Napoleons Unüberwindlichkeit; aber schon nach wenigenWochen erzwäng dieser durch die furchtbare Schlacht von Wagram den Friedenvon Wien. Österreich mußte Salzburg und das Jnnviertel an Bayern und My-rten*) an Frankreich abtreten.
Befreiungsversuche. Vergeblich hatten die Tiroler unter, Andreas Hof er,Joseph Speckbacher u. a. mit unvergleichlichem Heldenmut für Österreich die Waffenergriffen und den Feinden große Verluste beigebracht. Nach dem Frieden von Wienwurden sie von der Übermacht erdrückt. Andreas Hafer, der sich längere Zeit in einereinsamen Hütte des Hochgebirges versteckt gehalten hatte, wurde verraten und gleicheinem Verbrecher auf den Wällen der Festung Mantna erschossen. Ebensowenig glücktees dem Oberst von Dörnberg in Hessen und dem Major Schill in Preußen, dasVolk gegen seinen Unterdrücker zu entflammen. Schill mußte nach mancher kühnenWaffentat in den Mauern von Stralsund Schutz suchen und starb hier den Heldentod.Elf seiner Genossen wurden gefangen genommen und in Wesel erschossen. HerzogWilhelm von Braunschweig kämpfte mit seinen schwarzen Husaren auf eigeneFaust gegen den überlegenen Feind, mußte aber schließlich nach England entweichen.
Napoleon anf der Höhe seiner Macht. Napoleon schien unüberwindlich zu sein.Fast alle Fürsten Europas beugten sich seiner Gewalt. Um seinem Throne denhöchsten Glanz zu verleihen, ließ er sich durch den Papst von seiner ersten Gemahlinscheiden und heiratete Maria Luise, die Tochter des Kaisers Franz von Österreich.Seinem im folgenden Jahre geborenen Sohn legte er den Titel „König von Rom"bei. Nur England hatte der Mächtige nicht zu besiegen vermocht. Dieses hatte viel-mehr die französische Flotte bei Trafalgar (ein Kap iin südw. Spanien) vernichtetund sämtliche französische und holländische Kolonien weggenommen. Um Englandrecht empfindlich zu treffen, führte Napoleon eine vollständige Handelssperre ein.Kein englisches Schiff durfte in einen Hafen des europäischen Festlandes einlaufen,keinerlei englische Waren durften eingeführt werden. Wo man solche entdeckte, wurdensie rücksichtslos verbrannt. Um die deutschen Nordseeküsten um so sicherer dem eng-lischen Handel verschließen zu können, wurden die Hansastädte mit ihrem Gebiet dem-französischen Kaiserreich einverleibt, gleichwie Holland, dessen Krone der wohldenkenörKönig Ludwig niedergelegt hatte, weil er seinem despotischen Bruder nicht in allemzu Willen sein mochte. Selbst Rußland fügte sich eine Zeitlang dem MachtgebotNapoleons und stellte den Verkehr mit England ein.
49. Wendung zum Bessern.
Preußens Wiedergeburt. Um sein Land von der drückenden Einqnartierungslastzu befreien, rief König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den Freiherr« vonStein, einen echt deutschen Mann, an die Spitze der Staatsverwaltung. Er war,wie der Dichter sagt, des Guten Grundstein, des Bösen Eckstein, des deutschen VolkesEdelstein. Durch äußerste Sparsamkeit auf allen Gebieten, Verkauf von Staats-domänen, Anlehen bei begüterten Leuten rc. gelang es nach kurzer Zeit, die drückendenKriegsschulden zu tilgen und die Franzosen zur Räumung des Landes zu veranlassen.Selbst der König und die Königin gaben ihre Schmucksachen und Prunkgeräte zurSchuldentilgung her. Nun galt es, ein für Ehre, Freiheit und Vaterland begeistertesVolk heranzubilden. Die Leibeigenschaft, in welcher der Bauer noch immer lebte,wurde aufgehoben; er wurde jetzt freier Besitzer des Bodens, der seither mit schwerenAbgaben und zum Teil entehrenden Dienstleistungen belastet war. Durch eine zeit-gemäße Städteordnnng erhielt der Bürger Anteil an der Verwaltung und kümmertesich deshalb mehr um öffentliche Angelegenheiten als seither. Auf ScharnhorstsRat wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Mit Recht heißt er deshalb „des
*) Karaten, Krain und das Küstengebiet.