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Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
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Von 1815-1870.

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kräftigen können. Selbst der so segensreich wirkende Zollverein kam nur durch dasselbständige Vorgehen einzelner Staaten und im Widerspruch gegen Österreich undden Bundestag zustande. Es war deshalb nur natürlich, daß der Bundestag bei demdeutschen Volke nicht sonderlich beliebt war.

Die Jahre 1848 und 1849. Auf Ludwig XVIII. war in Frankreich dessenBruder Karl X. gefolgt. Da dieser sehr despotisch regierte, wurde er im Juli 1830(Julirevolution) vertrieben und Louis Philipp von Orleans*) zur Regierung berufen.Im Februar 1848 entstand in Frankreich abermals ein Aufstand. Der König LouisPhilipp wurde verjagt und Frankreich zur Republik erklärt. Diese Staatsumwälzungblieb auch auf Deutschland nicht ohne Einfluß, wo man, wie wir gesehen haben,mit den staatlichen Einrichtungen unzufrieden war. Es waren vor allem zwei Punkte,die man hier erstrebte: 1. eine der Größe und geschichtlichen Stellung Deutschlandsentsprechende Einigung und .2. größere Freiheit im Innern, namentlich Verleihungeines größeren Maßes von Rechten an das Volk. Was anfangs verlangt wurde,war recht und billig. Aber wie es bei Aufständen gewöhnlich zu gehen pflegt, diebesonnenen, erfahrenen und selbstlosen Männer wurden zurückgedrängt, und an ihreStelle traten leidenschaftliche, zum Teil von unedlen Beweggründen getriebene Leute.So entstanden überall in Deutschland gewaltsame Erhebungen zu dem ausgesprochenenZwecke, die Monarchie abzuschaffen und an deren Stelle republikanische Einrichtungenzu sehen. Diese Aufstände konnten nur mit Waffengewalt unterdrückt werden.Mittlerweile wurde eine Nationalversammlung gewählt, welche die Aufgabehaben sollte, für Deutschland eine neue Verfassung festzustellen. Ihre Sitzungenbegannen im Mai. Am 29. Juni wurde Erzherzog Johann von Österreich zumdeutschen Reichsverweser ernannt, und der Bundestag löste sich auf. Damitwar die seitherige Reichsverfassung hinfällig geworden, und eine neue mußte anderen Stelle treten. An Stelle des Staatenbundes erstrebte man einen einheit-lichen Bundesstaat mit einem Oberhaupt an der Spitze. Damit waren auch diedeutschen Regierungen einverstanden. Statt nun ihre nächste Aufgabe, die Beratungeiner neuen Verfassung, in Angriff zu nehmen, vergeudete die Nationalversammlungihre Zeit mit Nebendingen. Als die Verfassung endlich fertig war, hatten sich dieZeiten wesentlich geändert. Die Regierungen hatten die bewaffneten Aufstände inihren Grenzen unterdrückt und waren gewaltsamen Änderungen abhold. Dazu kamdie Eifersucht unter den beiden deutschen Großmächten. Der Nationalversammlungaber fehlte alle Macht, ihren Beschlüssen Achtung und Gehorsam zu erzwingen. Alssie deshalb am 28. März 1849 den König Friedrich Wilhelm IV. von Preußenzum Deutschen Erbkaiser erwählte, lehnte dieser die ihm angebotene Würde ab,solange nicht der freie Wille der Fürsten die Wahl des Parlaments bestätige. DasAnsehen der Nationalversammlung schwand nun immer mehr. Viele Abgeordnetetraten aus, andere wurden von ihren Regierungen abberufen, der Rest, der sich nachStutigart zurückgezogen hatte, dasRumpfparlament", wurde mit Gewalt vertrieben.Der Versuch, dem Deutschen Reiche eine zweckmäßigere Verfassung zu geben, war ge-scheitert, und so trat der Bundestag wieder in Geltung. Auch der Versuch desKaisers Franz Joseph von Österreich, auf dem Fürstentag zu Frankfurt amMain (1863) eine neue Verfassung zu vereinbaren, hatte keinen Erfolg, weil Preußendie österreichischen Vorschläge für unannehmbar erklärte und der Versammlung fern blieb.

Schleswig-Holstein und Lauenburg waren wohl ein Bestandteil des deutschenBundes, aber ihr Herzog war der König von Dänemark. Das Bestreben Dänemarkswar ständig darauf gerichtet, die deutschen Herzogtümer dem dänischen Gesamtstaateinzuverleiben. Man legte dänisches Militär ins Land, besetzte die Ämter mit Dänenund suchte die deutsche Sprache aus Kirche, Schule und Gerichtssaal immer mehrzu verdrängen. 1848 erachteten nun die Schleswig-Holsteiner den Zeitpunkt für

*) Die Orleans sind eine Nebenlinie des französischen KönigShauseS. Die heutigen Orleansstammen von Philipp, dem Bruder Ludwigs XIV. ab, dem dieser das Herzogtum Orleans verliehenhatte. (S. 88.)