Der deutsch-französische Krieg.
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früher gefangen genommen worden), wurde entwaffnet und in die Gefangenschaft nachDeutschland geführt. Napoleon wies man das Schloß Wilhelmshöhe bei Kasselals Aufenthaltsort an. — An demselben Tage hatte Bazaine einen Durchbruchnach Nordosten versucht, war aber durch die blutige Schlacht bei Noisseville (noas-will) wieder in fein Gefängnis zurückgeworfen worden. Die Friedenshoffnungen, dieman in Deutschland auf das Ereignis bei Sedan baute, erwiesen sich als trügerisch.Kaum war die Gefangennahme des Kaisers in Paris bekannt geworden, als man ihnabsetzte und Frankreich zur Republik erklärte. Die Kaiserin floh mit ihrem Sohnenach England. An der Spitze der französischen Republik standen die Advokaten Gam-betta und Jules. Favre lschül sawr). Man erklärte sich bereit, mit DeutschlandFrieden zu schließen und auch eine Kriegsentschädigung zu leisten. Als jedoch Bis-Marck zur Sicherung unserer Wcstgrenze Abtretung von Elsaß und Lothringen mitStraßburg und Metz verlangte, da antworteten sie stolz: „Kein Fuß breit französischerErde und kein Stein einer Festung!" So mußte der Krieg weiter gehen.
Der Krieg mit der Republik. Auch dieser, noch fünf Monate währende Kriegwar für die deutschen Waffen siegreich. Am 19. September begann die Ein-schließung der Stadt Paris, der größten Festung der Welt, da sie von einemGürtel von kleineren Festen umgeben ist. Am 28. September fiel Straßburgnach sechswöchiger mühevoller Belagerung durch General von Werder. Einen Monatspäter fiel auch Metz, vom Hunger gezwungen, in deutsche Hände. Damit kamenabermals 180000 Franzosen in Gefangenschaft. Von den acht Armeekorps desKaiserreichs befand sich nur noch eines auf französischem Boden, und das war inParis eingeschlossen. Aber das französische Volk bot neue gewaltige Heere auf, umParis zu entsetzen. Die Loirearmee wurde von Prinz Friedrich Karl bei Orleansund Le Mans geschlagen und zersprengt. Eine französische Nordarmee wurde durchdie Generale v. Manteusfel und v. Gäben bei Amiens und St. Quentin (amijängund sän kantäng) besiegt. Im Süden sammelte sich unter General Bourbaki eineArmee mit der Absicht, von Belsort aus in Deutschland einzufallen, die französischenGefangenen zu befreien und dadurch die Deutschen zum Rückzug zu zwingen.
Der Krieg nahm jetzt überhaupt einen anderen Charakter an. Überall bildetensich Freischaren, die den deutschen Armeen vielen Schaden zufügten. Bald plündertensie eine Proviantkolonne, bald überfielen sie eine Feldpost. Aus sicherem Hinterhaltschössen sie auf einzelne Soldaten, und manche Streiswache fiel ihnen zum Opfer. —Nach dem Fall Straßburgs setzte sich das Werder'sche Korps, zum größten Teil ausBadenern bestehend, in Bewegung, um das obere Elsaß, die Vogesen und den Jurazu besetzen. Sie sollten die Bildung von Freischaren verhindern, die Sammlunggrößerer Truppenmassen unmöglich machen und den ungestörten Fortgang der Belage-rung von Belfort schützen. Bis nach Dijon, der alten Hauptstadt Burgunds,waren sie vorgedrungen, mußten sich jedoch wieder vorsichtig zurückziehen, als ihnenstarke Streitkräste, Vorboten der Bourbakischen Südarmee, entgegentraten. Furchtbarwaren die Strapazen, welche das Werder'sche Korps auf diesem Rückmarsch zu er-dulden hatte. Die Temperatur war aus — 17" 0. gesunken; ein eisiger Regenhatte den Boden mit Glatteis überzogen; die Pferde waren ohne Menschenhilfe nichtimstande, die Geschütze die steilen Höhen hinaufzubringen. Troß der furchtbaren Kältedurften keine Wachtfeuer angezündet werden, um dem dreifach überlegenen Feinde dieStellungen nicht zu verraten. Trotzdem standen die tapferen Badener in dreitägigemKampfe an der Lisaine wie die Mauern. „Wir lassen keinen durch!" das warihre Losung. Und so hielten sie aus, bis General Manteusfel mit einer Armee er-schien, der Bourbakischen Armee den Rückzug nach Süden verlegte und sie über dieSchweizer Grenze warf, wo sie entwaffnet wurde. Die Besatzung von Paris warunterdessen auch nicht müßig geblieben. Sie unternahm viele Ausfälle, wurde aber> immer wieder zurückgeworfen. Inzwischen waren die Nahrungsmittel auf die Neigegegangen. Fast sämtliche Pferde sowie die Tiere des Tiergartens waren ausgezehrt;Hunde und Katzen, Ratten und Mäuse galten als Leckerbissen. Die deutsche Geduld
Geschichte. L. (Emil Roth in Gießen). 8. Aufl. H 8