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Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
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Hessen unter eigenen Fürstein

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Feinde standhalten zu können. Sie schlössen deshalb mit dem Friedensbrecher einenVertrag, in welchem ihm seine Forderungen bewilligt wurden. Obendrein sollte ereine Kriegsentschädigung von 35000 Gulden erhalten. Um sein Land vor weiterenBrandschatznngen zu schützen, zahlte Philipp das Geld. Die Erfüllung der übrigenPunkte lehnte er jedoch ab, indem er sich auf die Entscheidung des in Kürze zu wäh-lenden Kaisers berief. Da Sickingen indes auf Erfüllung des Vertrags drang unddrohte, er werde bald die alten Herbergen wieder aussuchen, trat Philipp in denSchwäbischen Bund ein. Mit diesem mochte Sickingen den Kampf nicht aufnehmen.Später vereinigte sich Philipp mit den Kurfürsten von Trier und der Pfalz znrBekämpfung Sickingcns. Als nach der Eroberung der Ebernburg Philipp seinemsterbenden Feinde gegenüberstand, da vermochte er es über sich. demselben zu verzeihenund tröstende Worte an ihn zu richten.

Aus dem Reichstag zu Worms (S. 75) erschien der 17jährige Landgrafmit 600 Reisigen und wurde von Karl V. mit seinen Gerechtsamen belehnt. DenVerhandlungen mit Luther wandte er volle Aufmerksamkeit zu. Er besuchte diesen inseiner Herberge und verabschiedete sich von ihm mit den Worten:Habt Ihr recht,Herr Doktor, so helf' Euch Gott!" Doch dauerte es noch einige Jahre, bis er sichder religiösen Bewegung anschloß. Sein ferneres Eintreten für die Reformation istbekannt. Wegen des Religionsgesprächs in Marburg siehe S. 77. Philipps Teil-nahme am schmalkaldischen Kriege, seine Gefangennahme in Halle und seine endlicheBefreiung wurden S. 78 erzählt. Mit den verführten Bauern (S. 75) verfuhr er im Gegensatz zu vielen seiner Standesgenossen glimpflich. In Hersfeld ge-währte er 4000 Aufrührern, die ihren Ungehorsam bereuten, großmütig Verzeihung.Nur zwei ihrer Anführer wurden verbannt. In Fulda ließ er die Aufrührer dreiTage ohne Nahrung im Schloßgraben zubringen, ehe er sie laufen ließ. Die Rädels-führer dagegen wurden enthauptet. Wegen Bekämpfung der Wiedertäufer bei Franken-hausen und in Münster siehe S. 76.

Herzog Ulrich von Württemberg hatte durch eine leichtfertige und ver-schwenderische Hofhaltung sein Land in Schulden gestürzt und damit einen schlimmenAufruhr veranlaßt. Da er zugleich die Reichsstadt Reutlingen wider Gesetz und Rechtsich angeeignet hatte, so war er von Kaiser Maximilian geächtet nnd durch den schwä-bischen Bund aus seinem Lande vertrieben worden. Mittlerweile war Karl V. Kaisergeworden. Der schwäbische Bund, der nicht wußte, was er mit Württemberg anfangensollte, überließ das Land an des Kaisers Bruder Ferdinand gegen Ersatz der Kriegs-kosten. Diese schlimmen Folgen seines Leichtsinns hatten bessernd auf den vertriebenenFürsten eingewirkt. Aber alle Schritte, die er bei dem Kaiser unternahm, um wiederin den Besitz seines Landes zu gelangen, blieben erfolglos. Auch Philipp bemühte sichumsonst, den Kaiser günstiger für seinen Verwandten zu stimmen. Er beschloß deshalb,denselben mit Waffengewalt wieder in sein Land einzuführen. Da er bei deutschenFürsten keine Unterstützung fand, wandte er sich an den König von Frankreich. GegenVerpfändung der Württembergischen Stadt Mömpelgard im Elsaß gewährte ihm dieserdie Mittel zur Rüstung. Mit 4000 Reitern und 16000 Fußgängern rückte Philipphieraus in Württemberg ein. Nach drei Wochen war das ganze Land erobert undseinem rechtmäßigen Herrn wiedergegeben. Wegen dieser uneigennützigen Handlungerhielt Philipp den Beinamender Großmütige".

Durch seine fünfjährige Gefangenschaft (S. 78) und die damit verbundenenschweren Sorgen war Philipp alt und grau geworden. Seine Lebenskraft war ge-brochen. Durch ein ausführliches Testament bestellte er sein Haus. In demselbenempfahl er seinen Söhnen, bei der evangelischen Lehre zn bleiben, einen sittlichenLebenswandel zu führen, gerecht und mildtätig zn sein. und sich jeder fürstlichenTugend zu befleißigen. Sein Land teilte er unter seine vier Söhne. Wilhelmerhielt Niederhessen mit Kassel; Ludw ig Oberhessen mit Marburg; Philipp Nieder-katzenelnbogen mit Rheinsels und St. Goar; Georg Oberkatzenelnbogen mitDarmstadt. Die Rheinselser Linie starb 1583 und die Marburger 1604 aus. Hessen-Kassel bestand bis 1866 und bildet jetzt den preußischen Regierungsbezirk Kassel.