Die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.
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fallen die Eroberungskriege Ludwigs XIV. von Frankreich, namentlich die Verwüstungder Pfalz, unter der auch die Orte an der Bergstraße schwer zu leiden hatten. AuchDarmstadt wurde zweimal erobert und gebrandschatzt. Den wegen ihres Glaubensvertriebenen Wäldensern erlaubte er die Niederlassung in seinem Lande. So entstandenNeu-Kelsterbach, Walldors, Rohrbach, Wembach, Hahn und andere Orte. Als 1715das alte Schloß in Darmstadt teilweise ein Raub der Flammen geworden war, be-gann er den Bau eines neuen. Doch war der Ban so großartig gedacht, daß ernur teilweise zur Ausführung kam. Auch das alte Opernhaus, das Orangeriehausin Bessungen und mehrere Jagdschlösser wurden von Ernst Ludwig erbaut. Da dieseAusgaben in keinem Verhältnis zu den Staatseinnahmen standen, so kamen dieFinanzen des Staates in Unordnung. Dieser Zustand verschlimmerte sich noch unterseinem Sohne
Ludwig VIII. (1739—1768). Dieser war ein leidenschaftlicher Jäger, undder Aufwand für die Jagden verschlang große Summen. Den Überlieferungen seinesHauses folgend, stand er treu zu dem österreichischen Kaiserhause. Kaiser Franz be-zeichnete ihn einmal als seinen besten Freund. In: 7jährigen Kriege blieb der Land-graf trotzdem neutral. Dies hinderte jedoch nicht, daß Gießen, die Hauptstadt desObersürstentums, von 1759—1763 von den Franzosen besetzt gehalten wurde. DieseStadt bildete den Stützpunkt gegen die mit Preußen verbündeten Engländer, Han-noveraner und Hessen-kasselischen Truppen. In der Nähe von Grünberg und Nan-heim fanden Gefechte statt.
Ludwig VIII. und die Zigeuner. Eine Sage erzählt: Der Landgraf hatte sicheinst den Haß einer Zigeunerbande zugezogen, weit er ihren Hauptmann wegen einesTaschendiebstahls hatte hängen lassen. Um ihren Führer zu rächen, beschloß die Bande,dem Landgrafen abends, wenn er von seinem Schlosse Kranichstein nach Darmstadtzurückkehre, aufzulauern und ihn zu erschießen. Einem jungen Zigeuner erwachte dasGewissen, und er entdeckte dem Landgrafen den Mordplan. In aller Stille ordnetedieser die geeigneten Maßregeln an. Die ahnungslosen Wegelagerer wurden ergriffenin dem Augenblick, als sie einige Schüsse aus die — leere Kutsche des Landgrafen ab-gefeuert hatten. Die Mörder kamen an den Galgen. Das unschuldige Kind des Rädels-führers abers das man verlassen im Walde antraf, ließ der Landgraf erziehen undlegte ihm den Namen „Nievergelter" bei.
Ludwig IX. (1768—1790) übernahm schon als Erbprinz die Regierung derGrafschaft Hanau-Lichtenberg. Diese war seinem Vater nach dem Tode seines Schwieger-vaters, des Grafen Johann Reinhard von Hanan, zugefallen. Die Grafschaft bestandaus 11 Ämtern, von denen 9 im Elsaß lagen und deshalb der Oberhoheit Frankreichsunterstanden. Ludwig verlegte seine Residenz von Buchsweiler nach Pirmasens, dasauf deutschem Gebiete lag. Er war — im Gegensatz zu seinem Vater — ein feurigerVerehrer Friedrichs des Großen. Deshalb trat er auch in die preußische Armee einund nahm teil an dein zweiten schlesischen Kriege. Dem dringenden Wunsche seinesVaters nachgebend, trat er jedoch vor dem Ausbruch des dritten schlesischen Kriegesaus der preußischen Armee aus und zog sich ganz nach Pirmasens zurück. WieFriedrich Wilhelm I. von Preußen (S. 89) ließ er sich ein Regiment hochgewachsenerLeute zusammenwerben. Mit diesen exerzierte er Tag für Tag, im Sommer wie imWinter. Damit jedoch die für schweres Geld angeworbenen Leute nicht ansrissen,war es ihnen strenge untersagt, die Stadt zu verlassen. Zum Überfluß wurde diesenoch Tag und Nacht von Dragonern umritten. Ludwig blieb auch in Pirmasens,als ihm nach seines Vaters Ableben die Regierung des Hessenlandes zufiel. Trotzseiner Neigung zum Soldatenspiel erwarb sich Ludwig IX. große Verdienste um seinLand. Durch außerordentliche Sparsamkeit brachte er die zerrütteten Finanzen wiederin Ordnung. Er beseitigte die Folter aus der Rechtspflege, verminderte zur Freudedes Landmannes den übermäßigen Wildstand, veranstaltete eine Sammlung der Landes-gesetze, gründete eine Landesbrandkasse und begann den Ban von Landstraßen.
Die große Landgräfin. Seine geistvolle Gemahlin Henriette Karoline teilte diemilitärischen Liebhabereien ihres Gemahls nicht. Sie behielt anfangs ihren Wohnsitz