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Bilder aus der hessischen Geschichte.
in Buchsweiler und verlegte ihn nach dem Tode Ludwigs VIII. nach Darmstadt. Hierlebte sie ganz der Erziehung ihrer Kinder. Sie wußte bei aller Sparsamkeit ihrenkleinen Hof zum Mittelpunkt für die berühmtesten Männer Deutschlands zu machenund galt als eine der ausgezeichnetsten Frauen ihrer Zeit. Goethe nannte sie in einemBriefe an einen Freund die „große Landgräfin". Friedrich der Große widmete ihr einDenkmal mit der Aufschrift: „Weib von Geschlecht, Mann an Geist".
6. Kessen unter seinen KroWerzogen.
Ludwig I. (1790—1830) wurde am 14. Juni 1753 zu Prenzlau in derUckermcirk geboren, wo sein Vater als preußischer Generalleutnant sein Standquartierhatte. Er ist unstreitig einer der bedeutendsten unter sämtlichen hessischen Fürsten.
Seiner Tatkraft und Entschlossenheitist es in erster Linie zu danken, daßdas Staatswesen, an dessen Spitze dieVorsehung ihn berufen hatte, in denStürmen der Zeit nicht unterging.Durch den Frieden von Lüneville(S. 96) ging die Grafschaft Hanau-Lichtenberg an Frankreich verloren.Als Entschädigung erhielt Hessen dasHerzogtum Westfalen, das früher einenTeil des Kurfürstentums Köln gebildethatte. (Etwa der heutige Regierungs-bezirk Arnsberg.) Außerdem kamen dazudie innerhalb des hessischen Gebietes ge-legenen mainzischen, wormsischen undpfälzischen Besitzungen. Die Rücksichtenauf sein Land nötigten den Landgrafenzum Eintritt in den Rheinbund (S.96).Durch die Rheinbundsakte wurde Hessenzum Großherzogtum erhoben und er-langte die Oberhoheit über fast sämt-liche fürstliche, gräfliche und freiherrlicheBesitzungen innerhalb seines Gebietes,jüngeren Bruders des Großherzogs,kämpften die hessischen Truppen in Spanien, Österreich und auf den Eisfeldern Ruß-lands. Nach Napoleons Sturz schloß der Großherzog sich den Verbündeten an, unddie hessischen Truppen zogen mit nach Frankreich. Durch den Wiener Kongreß er-langte das Großherzogtum Hessen im allgemeinen seine jetzige Gestalt. Für das Her-zogtum Westfalen, das an Preußen abgetreten werden mußte, erhielt Hessen einenTeil der isenburgischen Besitzungen und die Provinz Rheinhessen. Deshalbfügte der Großherzog seinem Titel die Worte an: „und bei Rhein".
Nach wiederhergestelltem Frieden war es die angelegentlichste Sorge des Groß-herzogs, die leibliche und sittliche Wohlfahrt seines Volkes zu fördern. Die Leibeigen-schaft und die Fronden wurden abgeschafft, die Zehnten abgelöst. Die Steuern wurdengerechter verteilt. Um die allgemeine Volksbildung zu heben, wurde das Schullehrer-Semiuar zn Friedberg gegründet. Das kostbarste Geschenk jedoch, das Hessen seinemersten Großherzog verdankt, war die 1820 als „Staatsgrundgesetz" verkündigte Ver-fassung. Durch diese ist jedem Staatsangehörigen Freiheit der Person und desEigentums, Glaubens- und Gewissensfreiheit zugesichert. Durch gewählte Vertreter(Abgeordnete) nimmt das Volk teil an der Gesetzgebung und an der Kontrolle desStaatshaushalts. Hessen war der erste deutsche Staat, der mit Preußen den Zoll-verein gründete (1828). Die Dankbarkeit des Volkes hat deshalb seinem ersten Groß-herzog auf dem Luisenplatz in Tarmstadt ein würdiges Denkmal errichtet.
Ludwig I.
Unter dem Befehl des Prinzen Emil, eines