248
niemand ein bestimmt abgemessenes Feld noch ihm allein gehörigeGrundstücke. Vielmehr bekommen die einzelnen Geschlechter undSippschaften, welche Zusammenhalten, von den Behörden undHäuptlingen auf je ein Jahr Feld angewiesen, so viel und wo esdiese für gut finden, müssen aber im folgenden Jahr anders-wohin ziehen. Für diese Einrichtung bringen sie viele Gründevor: Die Vorliebe für eine seßhafte Lebensweise könnte die Ger-manen leicht verlocken, den Hang zum Kriege mit dem Acker-bau zu vertauschen; sie würden nach ausgedehntem Landbesitztrachten, und die Armen würden von den Reichen aus ihrenBesitzungen verdrängt werden. Man könnte, um Hitze und Kältezu vermeiden, allzu gemächliche Wohnungen bauen; auch dürfeman die Habsucht nicht aufkommen lassen, die gewöhnliche Quellevon Parteiungen und Streitigkeiten; endlich müsse man den ge-meinen Mann zufrieden erhalten, wenn er sehe, daß der Mäch-tigste nicht mehr besitze' als er.
Die größte Ehre für die einzelnen Völkerschaften ist, ringsum ihr Gebiet weit und breit Wüsteneien und Einöden zu haben.Sie sehen es nämlich als einen besonderen Beweis der Tapferkeitan, wenn die Nachbarn, aus ihren Ländereien vertrieben, auswan-dern und niemand es wagt, sich in ihrer Nähe niederzulassen.Zugleich fühlen sie sich dadurch sicherer, weil sie keinen plötz-lichen Überfall zu befürchten haben. Hat ein Stamm einen Ver-teidigungs- oder Angriffskrieg zu führen, so wählt man zurLeitung desselben eine Oberbehörde mit Gewalt über Leben undTod. Im Frieden haben sie keine gemeinschaftliche Obrigkeit,sondern die Häuptlinge der einzelnen Landschaften und Gaue spre-chen Recht unter den Ihrigen und schlichten die Streitigkeiten.Raubzüge außerhalb des eigenen Gebietes zu machen, gilt nichtfür schimpflich und wird sogar als ein gutes Mittel gerühmt,die junge Mannschaft zu üben und dem Müßiggang zu steuern.Wenn daher einer der Häuptlinge in der Volksversammlungerklärt, er wolle Führer sein, wer ihm zu folgen gedenke, mögesich melden, so erheben sich alle, denen die Sache und der Manngefällt, und versprechen ihm unter dem lauten Beifallsruf derMenge ihre Teilnahme. Folgt ihm dann aber einer trotzdemnicht, so wird er als Ausreißer und Verräter angesehen undfindet fortan in nichts mehr Glauben.
Einen Gastfreund zu verletzen, halten sie für Sünde, und