Band 
Dritter Teil.
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niemand, weiß, wie er in Wirklichkeit ist; und diese Minderheit wagtnicht, der Meinung der vielen entgegenzutreten, welche der Schild derMajestät deckt.

Man beurteilt die Handlungen aller Menschen, besonders aber dieHandlungen der Fürsten, welche keinen Richter über sich haben, bloßnach dem Erfolge. Es muß also des Fürsten einziger Zweck sein, seinLeben und seine Herrschaft zu erhalten. Man wird alle Mittel, derener sich hiezu bedient, rechtfertigen, und jeder wird ihn loben; denn derPöbel hält sich nur an den äußern Schein und beurteilt die Dinge nurnach ihrem Erfolge. Nun ist aber fast nichts in der Welt als Pöbel,und die bessere Minderheit entscheidet bloß da, wo die Vielen nicht zuentscheiden wissen. Es lebt noch jetzt ein Fürst , 1 den man eben nichtöffentlich nennen kann, der aber stets die Worte Frieden und Treue imMunde führt, aber gewiß schon längst seine Ehre und seine Länder ver-loren haben würde, wenn er immer nach seinen Worten gehandelt hätte.

15. Ermahnung zur Befreiung Italiens von denBarbaren, 1513.

Machiavelli, Der Fürst, Kap. 26. Gekürzt. Nach der Übersetzung vonF. N. Baur, neu bearbeitet von Hanns Floerke. Vgl. die vorhergehende Nr.

Der Fürst, von dem Machiavelli die nationale Einigung- Italiens erhofft,ist der Mediceer Lorenzo II., gestorben 1519, der Enkel Lorenzos des Prächtigen(vgl. Bd. II des Quellenbuches, S. 293 ff.), Vater der Katharina von Medici, derGemahlin Heinrichs II. von Frankreich. Ihm ist das Buch vom Fürsten ge-widmet, an ihn richtet sich folgende Ermahnung:

Wenn ich alles bisher Abgehandelte genau überlege und dabei erwäge,ob die jetztigen Verhältnisse Italiens einem Fürsten, der dort eine neueRegierungsform einführen wollte, die für ihn ehrenvoll und für das ganzeLand nützlich wäre, hierzu günstig seien, so finde ich so viel zur Förde-rung eines solchen Unternehmens vereinigt, daß ich zweifeln muß, obje eine günstigere Zeit kommen könne. Und war es nötig, daß das VolkIsraels unter dem Drucke der Ägypter seufzte, um Moses’ Tatkraft kennenzu lernen, daß die Perser von den Medern unterdrückt wurden, umKyros’ Tapferkeit glänzen zu lassen, daß die Athener zerstreut wurden,um Theseus' Trefflichkeit zu erkennen: so war es auch nötig, daß ItaliensBewohner jetzt in einer solchen Tiefe des Elends, sklavischer als dieIsraeliten, bedrängter als die Perser, zerstreuter als die Athener, ohneHaupt, ohne Gesetze, verachtet, geplündert, zerrissen, von Ausländerntyrannisiert seien, damit einer der Söhne Italiens Gelegenheit habe, dieGröße seiner Tatkraft zu zeigen. Italien, das in den letzten Zügenliegende Italien, sage ich, sieht der Erscheinung eines Erretters ent-gegen, der die Leiden der Lombardei, des Königreichs Neapel und Tos-kanas beende und seine eiternden Wunden heile, welche durch die Länge

1 Ferdinand der Katholische von Aragonien und Kastilien, 1479—1516.