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47. Maria die Katholische von England, Mai 1557. 1
Alberi, Relazioni degli Ambasciatori Veneti. al Senato, Serie I, Bd. II,S. 322 ff.: Relation des venetianisehen Gesandten Giovanni Micbiel. Übersetztvon Alfred von Reuniont, Beiträge zur italienischen Geschichte, Bd. I,S. 100 ff. — Vgl. die Einleitung zu No. 42, ferner als Fortsetzung No. 48.
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Die Königin Maria ist eher von kleinem als von mittlerem Körper-bau, mager und schwächlich, und darin ganz dem Vater 2 3 unähnlich,welcher groß und dick war, sowie ihrer Mutter, 8 welche, nach Bildnissenzu urteilen, ziemlich beleibt und von wohlgeformten Zügen gewesen seinmuß. In der Jugend soll sie gut ausgesehen haben; jetzt geben einigeRunzeln, mehr die Folge von Kummer als von Jahren, ihr ein älteresAussehen, als man erwarten dürfte. 4 Ihre Gesichtszüge sind außerordent-lich ernst, ihre Augen so durchdringend, daß sie nicht bloß Ehrfurcht,sondern auch Schrecken einflößen. Dabei ist sie aber doch so kurzsichtig,daß sie weder lesen noch etwas anderes tun kann, ohne die Schrift oderden Gegenstand ganz nahe zu haben'. Ihre Stimme ist rauh und laut, fastwie eine Männerstimme; schon in ziemlicher Entfernung vernimmt mansie. Ist nun ihre äußere Erscheinung gerade nicht schön, so sind ihreGeistesgaben um so bemerkenswerter. Mit größter Leichtigkeit begreiftsie alles. In der Sprachkunde übertrifft sie ihr Geschlecht: fünf Sprachenkennt sie, viere redet sie mit Leichtigkeit; außer ihrer Muttersprachenoch Latein, Französisch, Spanisch und endlich Italienisch, welches sieversteht, ohne daß sie sich darin auszudrücken wagte. Durch ihre Fertig-keit im Lateinischen macht sie jeden staunen. In allen Frauenarbeitenmit der Nadel und in Stickerei aller Art ist sie eben so geschickt wiein der Musik; namentlich versteht sie das Harfen- und Lautenspiel. Alssie sich noch damit befaßte, was jetzt selten geschieht, wunderten sichdie geübtesten Meister über ihre Fertigkeit und gute Methode. Blicktman auf ihren Charakter, so haftet ihr keine wesentliche Unvollkommen-heit an, wenn man einige Nebendinge ausnimmt, in denen sie das Weibnicht verleugnen kann, wie sie denn heftig und ärgerlich ist und eherkarg und kleinlich, als freigebig und hochsinnig, wie einer Königin ge-ziemt. In mehreren Beziehungen aber ist sie einzigartig und unver-gleichlich. Sie ist so mutvoll und entschlossen, daß sie in keiner Wider-wärtigkeit und Gefahr den bloßen Gedanken an irgend eine niedrigeund furchtsame Handlung hat aufkommen lassen — geschweige, daß sieeine solche hätte begehen können —, während sie stets wunderbareHochherzigkeit und Würde bewahrte, wobei sie zeigte, daß sie den könig-lichen Anstand so genau kenne wie der verständigste ihrer Räte: Ausihrem Benehmen und ihrer Haltung läßt sich schließen, daß sie vonwahrhaft königlichem Blute ist. Über ihre Demut, ihre Frömmigkeit undReligiosität brauche ich nicht zu reden noch Zeugnis dafür zu suchen ;
1 Maria starb 1558.
2 König Heinrich VIII.
3 Katharina von Aragon, erste Gemahlin Heinrichs VIII., geschieden 1533.
4 Maria war damals 42 Jahre alt.