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denn diese Eigenschaften sind nicht mir allen bekannt, sondern durchTatsachen und in den Verfolgungen früherer Zeiten beinahe durch dasMärtyrtum erprobt worden.
Die Königin, von einem Minister wie Kardinal Pole 1 unterstützt,könnte ruhig und getröstet leben, wäre auch sie nicht von Sorgen undLeidenschaften, öffentlichen wie häuslichen, gequält, die sie zuzeitenin den Zustand tiefer Melanoholie versetzen. Vor allem betrübt sie sichdarüber, daß ihre Ehe kinderlos bleibt, 2 3 und daß somit die Wiederher-stellung der Religion und des Gehorsams gegen die Kirche, wofür siemit solchem Eifer gewirkt, bei ihrem Tode wieder gefährdet sein wird.Überdies betrübt sie sich sehr über die Aufstände, die Nachstellungenund Verschwörungen, die sie täglich wider ihre Person und Regierungim Werke sieht. Haben ihr diese auch bisher durch Gottes Gnadekeinen Schaden gebracht, so begreift sie doch wohl — da bei solchenGelegenheiten immer zu Strafen geschritten werden muß —, daß Haßund Unwille wider sie nur gesteigert werden, indem die Gründe, welchezu solchen Anschlägen Anlaß gegeben, bei der großen Menge nicht nurEntschuldigung, sondern stillschweigende Gutheißung finden, handle essich nun um die Fremden, namentlich die verhaßten Spanier, oder umReligionssachen, oder um beides zugleich. Auch die Verarmung der Kroneund die Schuldenlast der vorigen Regierungen quält sie. Einigen Trostfindet sie jedoch in der Hoffnung, daß es dem Bemühen einiger ihrerMinister, namentlich des Kardinals, gelingen werde, einen besseren Zu-stand lierzustellen. Geringen oder keinen Trost empfindet sie, wo zweiwiderstrebende Leidenschaften sie bestürmen, Liebe und Haß. Liebe zuihrem Gemahl, den sie immer nur auf kurze Zeit sieht, so daß die Ent-behrung seiner Gesellschaft für sie die Quelle großer Trauer ist. DerHaß, der sie beherrscht, ist' gegen ihre Schwester Mylady Elisabeth ge-richtet. Verstellt sie sich auch, so läßt sich doch nicht leugnen, daß sieihr vielfach Groll und Widerwillen zeigt, indem sie bei ihrem Anblickstets die Kränkungen und die Schmach vor Augen zu haben scheint, diesie wegen Elisabeths Mutter, a welche die Hauptschuld an der Verstoßungder Königin Katharina trug, einst erdulden mußte. Was sie aber mehrdenn alles in Aufregung erhält, ist der Umstand, daß sie heute schonaller Gedanken und Augen auf diese, als ihre einstige Nachfolgerin inder Regierung, gerichtet sieht — ein bittrer fluchwürdiger Anblick, umso mehr, als es nicht sie allein, sondern jeden schmerzen muß, diese Nach-folge des Bastardblutes einer öffentlich Verurteilten auf wahrhaft recht-mäßiges königliches Blut. Gemehrt wird der Haß durch Mylady ElisabethsAbneigung gegen die katholische Religion. Denn diese, in andgrm Glau-ben geboren, unterrichtet und anfgewachsen, stellt sich zwar äußerlich,als gehöre sie zur katholischen Kirche, aber die allgemeine Ansicht hältdies für leeren Schein.
1 Päpstlicher Legat am englischen Hofe.
2 Sie war vermählt mit Philipp II. vou Spanien.
3 Anna Boleyn, zweite Gemahlin Heinrichs VIII.