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Es heißt, man könne den Charakter der abendländischen Königeniemals durchschauen, bis sie die beiden großen Proben, Maitresse undBeichtvater, bestanden haben. Man wird bald genug das Schauspiel haben,wie diese beiden Mächte ihre Netze auswerfen, um den Geist des jungenHerrschers unter ihren Einfluß zu bringen, und es wird um diesen Preis man-cher Kampf ausgefochten werden. Denn unter einem jungen Fürsten wetteiferndiese Parteien immer um den Vorrang; dagegen versöhnen und verbündensie sich unter einem alten. Unter einem jungen Fürsten spielt der Derwisch 1eine schwierige Rolle, denn die Kraft des Königs schwächt seinen Ein-fluß. Die Maitresse aber triumphiert nicht minder über seine Kraft wieüber seine Schwachheit.
Bei meiner Ankunft in Frankreich fand ich den alten König invölliger Abhängigkeit von den Weibern*. Eines Tages hörte ich voneiner Frau die Äußerung: «Man muß für diesen jungen Obersten einWort einlegen; ich kenne seine Tapferkeit, ich werde mit dem Ministerdarüber sprechen». Eine andere sagte: «Es ist doch auffallend, daß mandiesen jungen Abbe ganz vergessen hat; man muß ihn zum Bisehofmachen. Er stammt aus gutem Hanse, und ich kann für seinen Lebens-wandel bürgen». Du darfst keineswegs glauben, daß die, welche einesolche Sprache führten, bei dem Fürsten in besonderer Gunst standen;vielleicht hatten sie nicht zweimal in ihrem Leben mit ihm geredet,obwohl dies bei den europäischen Fürsten etwas Leichtes ist. Vielmehrverhält es sich damit so, daß niemand in Paris oder in den Provinzenein Hofamt bekleidet, der nicht eine Frau hätte, durch deren Hände alleGunsterweisungen und manchmal auch die Ungerechtigkeiten gehen, diein seiner Macht liegen. Alle diese Frauen unterhalten Beziehungen zu-einander und bilden eine Art Republik, deren immer tätige Mitgliedersich wechselseitig helfen und dienen; es ist gleichsam ein neuer Staatim Staate. Wer am Hofe, in Paris, in den Provinzen Minister, hoheBeamte und geistliche Würdenträger in Tätigkeit sieht und die Frauennicht sieht, die sie alle leiten und lenken, gleicht einem Manne, der dieArbeit einer Maschine betrachtet, ohne ihre Triebfedern zu kennen.
Glaubst du etwa, eine Frau ließe es sich beikommen, die Maitresseeines Ministers zu werden, um ihn zu lieben? Weit gefehlt! Nein, sietut es, um ihm jeden Morgen fünf oder sechs Bittschriften vorzulegen;und ihre natürliche Gutmütigkeit zeigt sich in ihrem eifrigen Bestreben,einer Unzahl von Unglücklichen Wohltaten zu erweisen, die ihr eineRente von hunderttausend Livres einbringen. In Persien beklagt mansich, daß das Reich von zwei oder drei Frauen regiert wird; aber inFrankreich steht es noch viel schlimmer; denn hier regieren die Weiberüberhaupt und halten nicht nur im Großen und Ganzen alle Macht inHänden, sondern teilen sie sogar noch im einzelnen unter sich.
1 Der Priester.
* Die Maintenon, ehedem die Gattin des Dichters Scarron, hatte sich in derTat mit dem Beichtvater verbündet und es dahin gebracht, daß der König siesich heimlich antrauen ließ. Neben ihr hatten auch andere Frauen großen Einfluß.