Band 
Dritter Teil.
Seite
174
JPEG-Download
 

174

alle Throne niederstürzen; seine Heere sind ebenso zahlreich, seineHülfsmittel ebenso groß und seine Finanzen ebenso unerschöpflich.

Brief 93: Der Monarch, der so lange regiert hat, ist nicht mehr 1 * .Solange er lebte, hat er den Leuten viel zu reden gegeben; nun ertot ist, schweigt alle Welt. Fest und standhaft bis zum letzten Augen-blicke, schien er nur dem Verhängnis zu weichen. Er starb, nachdemer seinen Ruhm über den ganzen Erdkreis verbreitet hatte.

Du darfst indessen nicht glauben, daß dies große Ereignis die Leutehier [in Paris] nur zu moralischen Betrachtungen gestimmt habe. Jederdachte an seine eigenen Interessen und an den Vorteil, den er aus dieserVeränderung ziehen könnte. Da der neue König, ein Urenkel des ver-storbenen Monarchen, erst fünf Jahre alt ist, so wurde ein Prinz, seinOheim, zum Kegenten des Reiches ernannt*.

Der verstorbene König hat in seinem Testament die Befugnisse desRegenten beschränkt; aber dieser gewandte Prinz ist im Parlamenterschienen, hat vor demselben alle Rechte seiner Geburt dargelegt undes bewogen, die Bestimmungen des Monarchen, der sich selbst überlebenund noch nach seinem Tode regieren wollte, für ungültig zu erklären.

Die Parlamente gleichen den Trümmern, über die unser Fuß hin-wegschreitet, aber die uns immer an irgend einen durch die alte Religionder Völker berühmten Tempel erinnern. Ihre Tätigkeit hat sich fastganz auf die Rechtspflege beschränkt, und ihr Ansehen stirbt langsamdahin, wenn ihm nicht irgend ein unvorhergesehenes Zusammentreffenvon Umständen neue Lebenskraft verleiht. Diese großen Körperschaftenhaben das Los aller menschlichen Einrichtungen geteilt; die alles zer-störende Zeit, die alles entnervende Sittenverderbnis und die alles beu-gende absolute Gewalt hat sie verdrängt.

Aber der Regent, welcher sich bei dem Volke beliebt zu machen versuchte,gab sich bei seinem ersten Auftreten den Anschein, als wolle er diesBild der öffentlichen Freiheit in Ehren halten; er forderte, daß map esals Stütze der Monarchie und Grundlage aller gesetzlichen Autorität betrachte.

Brief 108: Ich habe den jungen Monarchen 3 gesehen. Sein Lebenist nicht nur seinen Untertanen, sondern wegen der schweren Verwick-lungen, die sein Tod verursachen könnte, auch dem gesamten Europasehr kostbar. Allein die Könige gleichen den Göttern; solange sie leben,muß man sie für unsterblich halten. Seine Gesichtsbildung ist majestätisch,aber doch einnehmend; gute Erziehung, verbunden mit einer glücklichen hatür-lichenBegabung,scheinenzu versprechen, daß er ein großer Fürst werden wird. 4

'Ludwig XIV. starb am 1. September 1716.

* Herzog Philipp von Orleans, der Sohn des Bruders Ludwigs XIV. undder Pfalzgräfin Elisabeth Charlotte. Durch das Testament Ludwigs XIV. zumRegenten für den unmündigen Ludwig XV. ernannt, stieß er im Einvernehmenmit dem Parlament die ihn beschränkenden testamentarischen Bestimmungenum und nahm kraft seiner Geburtsrechte Besitz von der höchsten Staatsgewalt.

3 Ludwig XV.

4 Als Ludwig XV. 1744 zu Metz auf den Tod krank lag, gab man ihmden Beinamen le Bien-aime; ganz Paris klagte um ihn. Ais er dreißig Jahre späterstarb, lagen die Verhältnisse anders.