200
bei dem König und macht, daß er wohl mit ihm lebt und alles tut,was er von ihm begehrt. Hinterwärts aber ist diesem alten Weib bange,daß man meinen mag, daß sie Monsieur ästimiere; derowegen, so baldals jemand vom Hof mit ihr spricht, sagt sie den Teufel von ihm: daßer zu nichts nutze seie, der ausschweifendste Mensch von der Welt, ohneVerschwiegenheit, falsch und untreu. — Ich vor meinem Teil muß aufdie Defensive leben; denn alle Tage macht man mir neue Händel, welcheich doch durch meine Konduite suche zu meiden, so viel mir nur möglichsein kann. — Wenn Euer Liebden noch wissen wollen, wie ferner derHof beschallen ist, so muß ich sagen, daß alle Minister das Weib flattierenund suchen durch hundert Kriechereien wohl bei ihr zu sein; alle andernLeute, so in einem raisonnablen Alter und ehrliche Männer, seind traurig;sie haben kein Geld, sie fürchten sich alle vor den Spionen, welche un-zählbar sein; sie sein malkontent und können sich doch nicht helfen.Alle jungen Leute sind erschrecklich ausschweifend [wie der Dauphinund auch Monsieur] und allen Lastern ergeben; Lügen und Betrügenfehlt ihnen nicht, und meinen, es wäre ihnen eine Schande, wenn siesich pikieren sollten, ehrliche Leute zu sein; was sie aber tun, ist saufen,ausschweifen und Wüsteneien sagen, und wer am unschicklichsten unterihnen ist, davon halten sie am meisten und der ist am besten ästimiert.Durch dieses alles können Euer Liebden leicht urteilen, wie große Lustes hier am Hofe vor ehrliche Leute geben muß.
Versailles, 16. Januar 1695. — Sobald ich nur zwei Stund inParis bin, habe ich Kopfwehe und fällt mir etwas scharfes in den Hals,so mich immer husten macht. Ich kann auch dort gar wenig schlafen;denn die Küchen seind unter meiner Kammer. Und zum Beschluß sokann ich dort nicht jagen, noch die Komödie mit Lust sehen. Dennerstlich, um in die Komödie zu gehen, so muß man ausfahren; und wennman drin ist, kann raan’s nicht mit Lust sehen; denn das Theater istimmer so voller Zuseher, daß sie pele-mele mit dem Komödianten stehen,welches gar unangenehm ist. Hernach auch so ist nichts Langweiligeresals die Abende zu Paris: Monsieur spielt an einer großen Tafel Lands-knecht; mir ist’s nicht erlaubt, herbei zu nahen noch mich bei demSpiel sehen zu lassen; denn Monsieur hat den Aberglauben, daß ichihm Unglück bringe, wenn er mich sieht. Jedoch so will er' haben, daßich in derselben Kammer sein muß. Alle die alten Weiber, so nichtspielen, fallen mir über den Hals; die muß ich unterhalten. Das währtvon sieben bis zehn Uhr und macht greulich gähnen. — Hier hergegenbin ich hübsch in Buhen. Erlaubt es das Wetter, so gehe ich auf dieJagd; ist Komödie hier, so gehe ich nur eine Stege hinunter, so binich im Saal; niemand ist auf dem Theater 1 , also die Komödie commeil faut und kostet mir nichts. Ist Apartement, so höre ich die Musik,und nach der Musik bin ich nicht obligiert, alte Weiber zu unterhaltenwie zu Paris.
1 Der Bühne. Es herrschte damals die Unsitte, daß Zuschauer sich aufdie Bühne setzten, wo sie die Darsteller oft hinderten.