294
Wie viele kirchliche Spaltungen sind großenteils daraus entstanden,daß die Obrigkeit die Streitigkeiten' der Gelehrten durch Gesetze bei-legen wollte! Denn wenn die Menschen nicht hoffen dürften, Gesetz undObrigkeit auf ihre Seite zu ziehen, über ihre Gegner unter dem allge-meinen Beifall der Menge zu triumphieren und Ehren zu gewinnen, sowürden sie sich niemals mit so großer Bösartigkeit streiten und sichnicht von so heftiger Wut ergreifen lassen. Nicht die Vernunft allein,auch die Erfahrung lehrt dies durch alltägliche Beispiele; nämlich daßsolche Gesetze, die vorschreiben, was jeder zu glauben hat, und verbieten,gegen diese oder jene Meinung zu reden oder zu schreiben, häufig auskeinem andern Grunde geschaffen worden sind, als aus Zuvorkommenheitoder vielmehr aus Nachgiebigkeit gegen fanatische Menschen, die keinefreie Gesinnung dulden können und durch eine gewisse finstere Autoritätdie Gottergebenheit der unruhigen Menge leicht in Raserei umwandelnund, gegen wen sie wollen, aufhetzen können.
Wäre es denn aber nicht viel zweckmäßiger, die Aufregung undWut der Menge zu zügeln, als nutzlose Gesetze zu geben, die nur vonPersonen, die die Tugend und die Künste lieben, verletzt werden können,und den Staat so einzuengen, daß er keine edlen Männer ertragen kann?Denn kann es ein größeres Unglück geben für den Staat, als w'ennehrbare Männer, weil sie anders denken und sich nicht verstellen können,wie Verbrecher des Landes verwiesen werden ? Was, sage ich, kannverderblicher sein, als wenn Menschen, die sich keines Verbrechens undkeiner Übeltat schuldig gemacht haben, bloß weil sie freien Geistes sind,für Feinde gehalten und zum Tode geführt werden, und das Schaffet,das Schreckbild der Schlechten, zur schönsten Schaubühne sich verwandelt,wo das erhabenste Beispiel von Selbstverleugnung und Tugend zur offen-baren Schmach der Majestät dargeboten wird? Denn die sich ihrer Recht-schaffenheit bewußt sind, fürchten den Tod nicht wie Verbrecher undbitten die Strafe nicht ab; weil ihre Seele nicht von Reue über eineschlechte Tat beklommen ist, und sie es nicht als Strafe, sondern alsehrenvoll und glorreich betrachten, für die gute Sache und für die Frei-heit zu sterben.
Soll also die Treue geschätzt sein, und sollen die höchsten Gewaltendie Zügel der Regierung fest in den Händen halten und nicht gezwungensein, sie den Empörern abzutreten, so muß die Freiheit des Urteilsnotwendig gewährt und müssen die Menschen so regiert werden, daß sietrotz offenbar verschiedener, ja entgegengesetzter Ansichten in Eintrachtnebeneinander leben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dies diebeste und mit den wenigsten Unannehmlichkeiten verbundene Art derRegierung ist, da sie der Natur des Menschen am meisten entspricht.Denn in einem demokratischen Staate, der dem natürlichen Zustand amnächsten steht, haben sich alle vertragsgemäß verpflichtet, nach demBeschluß der Gesamtheit zu handeln, nicht aber auch darnach zu urteilenund zu denken. Weil sie nämlich nicht gleichen Sinnes sein können, sindsie dahin übereingekommen, daß dasjenige die Kraft einer Verordnunghaben soll, was die meisten Stimmen hat, wobei sie sich die AutoritätVorbehalten haben, diese Verordnung wieder aufzuheben, sobald sich