Band 
Dritter Teil.
Seite
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geben, bei der dies nicht der Fall wäre? Wer alles durch Gesetze regelnwill, wird die Handlungen eher verschlechtern als verbessern. Was mannicht hindern kann, muß man eben notgedrungen gewähren lassen, wennauch manchmal Schaden daraus erwächst. Wieviel Übel entspringennur aus Üppigkeit, Neid, Trunkenheit! Man duldet sie aber, weil mansie durch gesetzliche Maßregeln nicht hindern kann, obschon sie wirk-lich Laster sind. Umsomehr muß die Gedankenfreiheit gewährt werden,die entschieden eine Tugend ist und nicht unterdrückt werden kann.

Hierzu kommt noch, daß sämtliche Unannehmlichkeiten, die aus ihrentspringen, durch die Autorität der Obrigkeit vermieden werden können;auch ist sie zur Förderung der Wissenschaft und der Künste höchstnotwendig; denn diese kann man nur dann mit gutem Erfolge pflegen,wenn man ein freies, von keinen Vorurteilen eingenommenes Urteil hat.

Gesetzt aber auch, diese Freiheit könnte unterdrückt und die Men-schen könnten so geknechtet werden, daß sie nicht zu mucksen wagen,so wird es doch sicherlich niemals so weit kommen, daß die Menschenauch nicht anders denken, als es den höchsten Gewalten angenehm -ist. Die notwendige Folge wäre, daß die Menschen täglich anders reden,,als sie denken, wodurch notwendig die Treue untergraben und die ver-ächtlichste Heuchelei und Treulosigkeit gehegt würde, die Quelle desBetruges und des Verderbens für alle guten Künste. — Weit entferntindessen, daß es dahin kommen kann, nämlich daß alle Menschen nurvorsehriftsgemäß sprechen, werden die Menschen gerade um so hart-näckiger auf Redefreiheit bestehen, je mehr man sie ihnen zu nehmentrachtet; und zwar keineswegs die Geizigen, die Heuchler und andereSeelenschwächlinge, deren höchste Seligkeit darin besteht, das Geld imKasten anzusehen und den Bauch zu füllen, sondern solche Leute, dieinfolge ihrer guten Erziehung-, ihrer reinen Sitten und ihrer Tugend dieFreiheit lieben.

Die Menschen sind größtenteils so beschaffen, daß ihnen nichts un-erträglicher ist, als wenn Ansichten, die sie für richtig halten, als Ver-brechen betrachtet werden, und wenn ihnen das, was sie zu frommenGesinnungen gegen Gott und gegen Menschen anregt, als Sünde ange-rechnet wird. Die Folge ist, daß man die Gesetze verwünscht und gegendie Obrigkeit sieh alles herausnimmt, und daß man es nicht für schänd-lich, sondern für höchst verdienstlich hält, um dieser Ursache willenEmpörungen anzustiften und alle möglichen Frevel zu begehen. Gesetze,die gegen Ansichten gerichtet sind, treffen nicht die schlechten, sonderndie edeln Menschen, halten nicht die Übelwollenden in Schranken, sondernerbittern vielmehr die Redlichen, und können nicht aufrecht erhaltenwerden, ohne daß der Staat in hohem Grade gefährdet wird.

Hierzu kommt noch, daß solche Gesetze ganz nutzlos sind. Denndiejenigen, welche die von den Gesetzen verfemten Meinungen für richtighalten, werden den Gesetzen nicht gehorchen können; diejenigen dagegen,,die sie als falsch verwerfen, erblicken in den Gesetzen, die jene Mei-nungen verfemen, eine Art Vorrecht für sich selbst und triumphierenso sehr über diese, daß die Obrigkeit später, wenn sie sie abschaffenwollte, es nicht mehr vermöchte.