Band 
Dritter Teil.
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Ein berühmter Schriftsteller hat die Tugend für das Prinzip derEepnblik erklärt. 1 In der Tat muß sich in der Demokratie der Staats-bürger vor allem mit Kraft und Ausdauer waffnen und jeden Tag seinesLebens im Grunde seiner Seele nachsprechen, was ein edler Woiwodeauf dem polnischen Reichstage sagte: «Ich ziehe eine gefahrvolle Frei-heit einer ruhigen Knechtschaft vor. » Gäbe es ein Volk von Göttern,so würde es sich demokratisch regieren. Eine so vollkommene Regierungpaßt für Menschen nicht.

Wenn man ganz allgemein fragt, welche Regierung die beste sei,so wirft man eine ebenso unlösliche wie unbestimmte Frage auf. Fragtman dagegen, woran es sich erkennen lasse, ob ein bestimmtes Volk gutoder schlecht regiert werde, so ist dies etwas anderes, und eine so ge-stellte Frage kann richtig beantwortet werden. Was ist denn der Zweckder politischen Vereinigung? Doch nichts anderes, als die Erhaltung undWohlfahrt ihrer Glieder. Und welches ist das sicherste Kennzeichen, daßsie sich erhalten und gedeihen? Die Zunahme der Bevölkerung. Mansuche also dieses vielbestrittene Kennzeichen nicht wo anders. Bei Gleich-heit aller übrigen Verhältnisse ist unstreitig die Regierung die beste,unter der sich ohne fremdartige Mittel, ohne Naturalisation, ohne Kolo-nien die Zahl der Büger fort und fort vermehrt. Die Regierung dagegen,unter der ein Volk abnimmt und dahinschwindet, ist die schlechteste.Jetzt, ihr Rechenkünstler, macht euch ans Werk! Zählt, meßt undvergleicht!

Wenn wir eine dauerhafte Staatsgründung vornehmen, so dürfenwir nicht daran denken, ein Werk für die Ewigkeit zu schaffen. Eben-so wie der menschliche Körper, beginnt auch der politische schon vonseiner Entstehung an zu sterben. Aber der eine wie der andere kanneine mehr oder weniger kräftige Körperbeschaffenheit besitzen, die ihnbefähigt, sich länger oder kürzer zu erhalten. Die des Menschen ist dasWerk der Natur, die des Staates das Werk der Kunst. Es liegt nichtin der Macht der Menschen, ihr Leben zu verlängern, wohl aber sindsie imstande, dem des Staates eine möglichst lange Frist zu geben, in-dem sie ihn mit der besten Verfassung ausrüsten, die sich für ihn eignet.Das Prinzip des politischen Lebens liegt in der oberherrlichen Gewalt.Die gesetzgebende Gewalt ist das Herz des Staates, die vollziehendesein Gehirn, das allen Teilen Bewegung gibt. Das Gehirn kann gelähmtwerden und der Mensch trotzdem weiter leben. Er verfällt in Blödsinn,aber er lebt; sobald jedoch das Herz seine Tätigkeit einstellt, tritt derTod ein.

139. Was ist Aufklärung?

ImmanuelKant, Kleine Schriften, Königsberg und Leipzig, 1797, Bd. III. —Immanuel Kant, 1724—1804, war Professor der Philosophie an der UniversitätKönigsberg. Von seinen zahlreichen grundlegenden Werken nennen wir die„Kritik der reinen Vernunft“, die „Kritik der praktischen Vernunft“ und die

1 Montesquieu, De l’Esprit des lois, Buch III, 3. Kapitel.

Flach n. Guggenbiihl, Quellenbnch III

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