361
unhaltbar, weil es mehr Geschicklichkeit bedurft hätte, um das Chaoszu bilden und zu erhalten, als um die Dinge so zu ordnen, wie sie sind.Das System einer Schöpfung aus dem Nichts ist widersprechend undfolglich ungereimt. Es bleibt also nichts übrig als die Ewigkeit derWelt, eine Idee, die mir die wahrscheinlichste scheint, da sie keineninneren Widerspruch in sich schließt, weil das was heute ist, auch sehrwohl schon gestern dagewesen sein kann und so fort. Da nun der MenschMaterie ist, aber doch denkt und sich bewegt, so sehe ich nicht ein,warum nicht ein ähnliches denkendes und handelndes Urwesen mit derallgemeinen Materie sollte vereinigt werden können. Ich nenne es nichtGeist, weil ich gar keinen Begriff von einem Wesen habe, das keinenBaum einnimmt und folglich nirgends existiert. Da aber unser Denkeneine Folge der Organisation unseres Körpers ist, warum sollte nicht dasunendlich mehr als der Mensch organisierte Weltall eine Denkkraft be-sitzen, die derjenigen eines so schwachen Geschöpfes unendlich über-legen ist?
Die Denkkraft, gleich ewig wie die Welt, kann nach meinen Be-griffen die Beschaffenheit der Dinge nicht ändern; sie kann das Schwerenicht leicht, das Heiße nicht kalt machen. An unveränderliche und un-erschütterliche Gesetze gebunden, kann sie nur zusammensetzen und dieDinge nur dazu verwenden, wozu ihre innere Beschaffenheit sie bestimmt.Will man aber behaupten, daß die Welt, da sie ewig sei, notwendig seiund folglich alles was existiert einer absoluten Fatalität unterworfen sei,so glaube ich einen solchen Satz nicht nnterschreiben zu müssen. Esscheint mir die Natur sich darauf zu beschränken, die Elemente mitewigen und beständigen Eigenschaften ausgestattet und die Bewegungewigen Gesetzen unterworfen zu haben, welche zwar ohne Zweifel be-trächtlich die Freiheit beeinflussen, sie jedoch nicht völlig aufheben. DieOrganisation und die Leidenschaften der Menschen rühren von Elementenher, aus denen sie zusammengesetzt sind. Wenn sie also diesen Leiden-schaften gehorchen, sind sie Sklaven, frei aber, sooft sie ihnen wider-stehen. Sie werden sagen: aber sehen sie denn nicht, daß die Vernunft,vermöge deren sie ihren Leidenschaften widerstehen, der Notwendigkeitunterworfen ist, durch welche sie jenen entsprechend zu handeln ge-zwungen sind? Streng genommen mag das richtig sein; aber wer zwischender Vernunft und seinen Leidenschaften wählt und sich entscheidet, ist,wie mir scheint, frei, oder ich weiß nicht mehr, welchen Begriff man-mit dem Worte Freiheit verbindet. Das Notwendige ist absolut. Wenndemnach der Mensch streng der Fatalität unterworfen ist, werden wederStrafen noch Belohnungen diese siegreiche Gewalt erschüttern. Demnach,da die Erfahrung uns das Gegenteil beweist, muß man zugestehen, daßder Mensch sich bisweilen der Freiheit erfreut, wenn auch häufig einerbeschränkten. Aber wenn Sie verlangen, daß ich Ihnen weiter im einzelnenerkläre, was diese Denkkraft ist, die ich mit der Materie verbinde, somuß ich bitten, mich dessen zu entheben. Ich betrachte diese Denkkraftals einen Gegenstand, den man verworren durch einen Nebel hindurchwahrnimmt; es ist viel, sie zu ahnen; sie zu erkennen nud zu definieren,ist dem Menschen nicht gegeben. Es geht mir wie Kolumbus, der das