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Die Damen des Hofes beschäftigten sich damals mit nichts andernals mit Putz, und der Luxus ging so weit, daß man sich wenigstenszweimal am Tage umkleidete. Die Kaiserin selbst liebte sehr, sich zuputzen und zog fast nie dasselbe Kleid zweimal an, wechselte abermehrere Male am Tage ihren Anzug. Natürlich richtete sich alles nachihrem Beispiele. Spiel und Toiletten füllten den ganzen Tag aus. Weilich das Prinzip hatte, den Menschen, mit denen ich leben mußte, zugefallen, nahm ich ihre Sitten nnd Gewohnheiten an. Ich wollte Russinsein, um von den Russen geliebt zu werden. Außerdem war ich fünfzehnJahre alt, und es mißfällt in diesem Alter niemand, sich zu putzen.
Eines Tages bemerkte Graf Gyllenborg 1 zu mir: «Wie kommt esnur, daß Ihre Seele sich von diesem Hofe, an dem Luxus und Vergnügungs-sucht herrschen, derartig verweichlichen läßt? Besinnen Sie sich wiederauf Ihre Natur und Ihre Anlagen! Ihre Talente sind Ihnen gegeben,um Großes zu leisten, und Sie lassen sich zu allen diesen Kindereienherab! Ich möchte wetten, daß Sie kein Buch in der Hand gehabt haben,seit Sie in Rußland sind». Er hatte schön recht geraten, aber in Deutsch-land hatte ich auch kaum mehr gelesen, als ich eben mußte. Ich fragteihn dann, was er mir zu lesen raten würde. Er nannte mir drei Bücher:erstens Plutarchs «Lebensbeschreibungen berühmter Männer», zweitensdas «Leben Ciceros», drittens die «Ursachen der Größe und des Verfallsder römischen Republik» von Montesquieu. Ich versprach ihm, sie zulesen und ließ wirlich nach den Büchern suchen. Ich fand das «LebenCiceros» in deutscher Sprache und las ein paar Seiten davon. Dannbrachte man mir die «Ursachen der Größe und des Verfalls der römi-schen Republik»; ich fing das Buch an und kam ins Träumen^ ichkonnte es nicht hintereinander lesen, es machte mich gähnen; ich dachte,das mag ein gutes Buch sein, warf es aber hin und ging wieder anmeinen Toilettentisch. Plutarchs «Lebensbeschreibungen berühmter Männer»konnte ich nicht auftreiben, ich habe sie erst zwei Jahre später gelesen.
Im Dezember 1744 erkrankte der Großfürst an den Pocken. Alsich ihn nach sechs Wochen wieder sah, erschrak ich, denn er war vonden Narben derartig entstellt, daß er nicht wieder zu erkennen war.Er war sehr gewachsen, aber ich sah sofort, daß er ebenso kindlichgeblieben war, wie ich ihn verlassen hatte.
Die Kaiserin fand es für gut, mir plötzlich acht russische Kammer-jungfern zu geben. Nur eine einzige von ihnen verstand Deutsch. Aufdiese Weise machte ich rasche Fortschritte in der russischen Sprache.Sie alle waren sehr lebhafte junge Mädchen, und wir- machten abends,wenn ich mich zurückgezogen hatte, furchtbaren Lärm; Blindekuh wardas Lieblingsspiel dieser wilden Schar. — Ich lernte jetzt Klavizimbelspielen bei dem Leiter der italienischen Kapelle der Kaiserin; das heißtwenn dieser kam, spielte er und ich sprang im Zimmer herum. Abendswar der Deckel meines Klavizimbels uns sehr nützlich; wir legten nämlichMatratzen auf die Rücklehne des Kanapees, nnd auf die Matratzen den
1 Gyllenborg, 1713—-1775, Geschäftsträger Schwedens am russischen Hofe.