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Deshalb gab ich mir Mühe, ihm jeden Trost zu spenden, der von mirabhing. Oft langweilten mich seine stundenlangen Besuche; sie ermüdetenmich auch, denn er setzte sich nie, und ich mußte immer im Zimmermit ihm auf und ablaufen. Er ging schnell und nahm große Schritte,und es war nicht leicht für mich, neben ihm zu bleiben und obendreinhöchst eingehende Erzählungen von militärischen Dingen über mich er-gehen zu lassen. Von denen sprach er gern und konnte mit ihnen niefertig werden, wenn er einmal angefangen hatte. Ich las gern und erlas auch. Aber was las er? Geschichten von Straßenräubern oder Romane,die nicht nach meinem Geschmack waren. Es waren wohl selten zweiMenschen geistig so verschieden wie wir beide. Unsere Neigungen hattennichts gemeinsam; unsere Art zu denken und die Dinge zu betrachtenwar so verschieden, daß wir niemals in einem Punkte zum Einverständnisgelangt wären, hätte ich nicht meistens nachgegeben, um ihn nicht geradevor den Kopf zu stoßen. In Peterhof unterhielt er sich oft damit, mirmilitärischen Schliff beizubringen. Dank seinen Bemühungen kann ichnoch heute sämtliche Gewehrgriffe genau so präzise ausführen, wie derbestgedrillte Grenadier. Ich mußte auch stundenlang mit der Musketeüber der Schulter an der Tür des Zimmers, das zwischen seinem undmeinem lag, Schildwache stehen. Wenn er mir gestattete, meinen Postenzu verlassen, so las ich. Meine Vorliebe für Romane verging; zufälligfielen mir die «Briefe» der Frau von Sevigne in die Hand und machtenmir viel Vergnügen. Nachdem ieh sie verschlungen hatte, las ich VoltairesWerke, und ich kann nicht mehr von ihnen los. 1 Damals konnte manvon mir behaupten, ich sei nie ohne ein Buch und nie ohne Kummer,aber immer ohne Vergnügen. Meine von Natur heitere Veranlagung littindessen nicht unter diesen Verhältnissen; die Hoffnung oder die Aussichtzwar nicht auf die himmlische, aber auf die irdische Krone hielt meinenGeist und meinen Mut aufrecht. —
Der Großfürst kannte [1748] nur zwei Beschäftigungen, nämlichauf seiner Violine zu kratzen, und dann Hunde für die Jagd abzurichten.So mußte ich mir von sieben Uhr morgens bis sehr spät in die Nachtmeine Ohren entweder von den Mißtönen, die er mit gewaltiger Energieseiner Geige entlockte, zerreißen lassen, oder von dem Gebell und dementsetzlichen Geheul der fünf oder sechs Hunde, die er den übrigenTeil des Tages hindurch grausam verprügelte. Ich muß sagen, ich waraußer mir und litt schrecklich unter beiden Sorten von Musik. Höchstensdie Hunde ausgenommen, war niemand so unglücklich wie ich. —
1 Katharina schrieb 1763 an Voltaire; „Ich kann Ihnen versichern, daß ichseit 1746 große Verpflichtungen Ihnen gegenüber habe. Vor dieser Zeit hatteich nur Romane gelesen, aber zufällig fielen mir Ihre Werke in die Hände;ich habe seitdem nicht wieder aufgehört sie zu lesen“. — 1778 schrieb sie anGrimm: „Voltaire ist mein Lehrer; er, oder besser gesagt, seine Werke, habenmeinen Kopf und meinen Geist geformt.“ — Sie bestellte hundert Exemplare seinerWerke: „Ich will, daß sie ein Muster sind, daß man sie studiert, daß man sieauswendig lernt“.