Nach der Entfernung des Kaisers atmete alles auf, wie befreit underlöst von einer schweren Last. Allmählich wurde die Gesellschaft auchwieder laut und ging dann völlig in die lärmende Unordnung, in diedrängende Eile über, welche zu Anfang geherrscht hatte. Besonderswaren die französischen Höflinge bemüht, ihre noch eben gehabte furcht-same und erschrockne Haltung durch nunmehrige Lustigkeit wegzu-leugnen, und noch auf den Treppenstufen, die wir hinabstiegen, erschalltenAusbrüche des Lachens und Witzeins über den Hergang der Audienz,deren Würde und Schrecken schon hier aufhörten.
Napoleons Persönlichkeit wirkte zauberhaft und mächtig, wo erwirklich er selbst war, an der Spitze der Truppen, im Felde, wenn erkriegerische Anordnungen traf, seine Machtgebote ergehen ließ. Wollteer aber ihm Uneignes vorstellen, beabsichtigte er Eindrücke, suchte erin Gebieten zu gelten, die nicht die seinigen waren, so gab er nurallzu leicht die schlimmsten Blößen und betörte nur etwa Neulinge undSchwachsinnige. Die Erinnerung an ihn und sein im Geiste des Nach-lebenden neuerschaffenes Bild haben mehr Begeisterung für ihn erweckt,als seine Gegenwart es vermocht. Es klingt unglaublich, ist aber be-stimmt wahr, daß in Paris bei aller Bewunderung und Furcht, welcheder Kaiser einflößte, doch weder im Volk noch in den höhern Klassenund am wenigsten in seiner gewohnten Umgebung eine eigentliche Ver-ehrung für ihn, ein Glauben an ihn als an ein höheres Wesen bestand;die Franzosen, sofern sie ihn als groß anerkannten, hielten ihn dochnur für groß in dem, was sie alle zu leisten sich getrauten; sie sahenin ihm nicht andre, sondern die gemeinen, gäng und gäben Eigen-schaften, nur in ungemeinen Maßen.
43. Der Brand Moskaus, September 1812.
Segur, Histoire et memoires, Bd. V, 1873, S. 44 ft'. Nach der Übersetzungvon C. Courtin, Geschichte Napoleons und der Großen Armee im Jahr 1812,neue Aull., Bd. II, 1841, S. 50 ff. Gekürzt.
Über Segur vgl. S. 73.
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. . . Viele Offiziere flüchteten sich in die Säle des Kremls. Diekommandierenden Generale und Mortier 1 selbst sanken da vor Ermattungund Verzweiflung zusammen, nachdem sie von dem Brande, den sie36 Stunden lang bekämpft hatten, sich überwältigt gesehen. Sie schwie-gen, und wir klagten uns an. Es schien den meisten von uns, daß derMangel an Mannszucht und der betrunkene Zustand unserer Soldatendiese Schreckenskatastrophe herbeigeführt und der heftige Sturm sievollendet habe. Wir betrachteten einander selbst mit Widerwillen und
1 Marschall Mortier, Herzog von Treviso, 1768—1835, war von Napoleonzum Gouverneur Moskaus ernannt worden.