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Marokko, Saint-Rene Taillandier J , suchte sich die Mitregentschaft überMarokko zu sichern. Durch die Umgestaltung der polizeilichen Einrich-tungen, die Gründung einer Staatsbank unter französischer Leitung, Ver-gebung der öffentlichen Arbeiten und Lieferungen an französische Firmensollte das wirtschaftliche und staatliche Leben in Marokko so weit unterfranzösischen Einfluß gebracht werden, daß die schließliche Einverlei-bung Marokkos in den französischen Kolonialbesitz nur eine Formsachegewesen wäre. Dem damaligen französischen Minister des Auswärtigen,Delcasse 1 2 , einem begabten und unternehmenden Staatsmann, der aber,wo Deutschland in Frage kam, sich zu sehr von Gefühlsmomenten be-stimmen ließ, schwebte der Gedanke vor, uns in Marokko vor ein Faitaccompli zu stellen. Er wußte, daß er damit unserem Ansehen in derWelt einen empfindlichen Stoß versetzen würde. Von einer Verständi-gung mit Deutschland wollte er nichts wissen, teils weil er in nochhöherem Grade als die meisten anderen politisch tätigen Franzosenvon Revanchegedanken erfüllt war, teils auch weil er glaubte, daßFrankreich, das in der Zunahme der Bevölkerung immer weiter hinterDeutschland zurückblieb, wenn es sich an Deutschland anschlösse, all-mählich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihm geraten würde. Wirhatten in Marokko bedeutende und zukunftsreiche wirtschaftliche Inter-essen, die durch die Schließung der «Offenen Tür» schwer geschädigtwurden. . . .
Die französische Marokkopolitik war ein unverhüllter Versuch,Deutschland bei einer großen auswärtigen Entscheidung beiseitezu-schieben, der Versuch, die Machtverhältnisse in Europa einer Korrekturzugunsten Frankreichs zu unterziehen. Ein Präzedenzfall wäre ge-schaffen worden, der notwendig zu Wiederholungen hätte reizen müssen.Darauf durften wir es nicht ankommen lassen. In diesem Sinne wurdedie Marokkofrage für uns eine nationale Frage. Unserer Marokkopolitikwaren die Wege gewiesen.
Am 31. März 1905 legte Seine Majestät der Kaiser auf meinenRat in Tanger an, wo er mit unzweideutigen Worten für die Unab-hängigkeit und Souveränität Marokkos eintrat. Damit war die ForderungDeutschlands nach Mitentscheidung der marokkanischen Angelegenheitenvor der Welt angemeldet. Es war erklärt, daß Deutschland an demauf der Grundlage der Souveränität Marokkos abgeschlossenen inter-nationalen Vertrag von 1880 festhielt und nicht geneigt war, ungefragtdie durch das französisch-englische Marokkoabkommen und das fran-zösische Vorgehen in Marokko geschaffene neue Lage anzuerkennemUnser Ziel war, an Stelle der einseitig französisch-englischen Regelungder Marokkofrage eine internationale durch die Madrider Signatarmächtezu setzen. Wir mußten auch verhindern, daß eine internationale Kon-
1 Seit 1901 außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister inTanger.
2 Theophil Delcasse, geboren 1852, war seit 1898 Minister des Äußern;1905 mußte er wegen seines Widerstandes gegen eine internationale Marokko-konferenz zurücktreten.