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moloch geopfert haben. Unter Darreichung der rettenden Hand für denunglücklichen Lebemann und Bedrohung des Bankhalters mit der Strengedes Gesetzes verpflichten die Ochranavertrauten beide für ihren Geheim-dienst. . . . Dem eitlen Fabrikdirektor, dem ehrgeizigen Kaufmann, demstreberischen Beamten verheißt die Geheimhydra Orden, Titel, Hofliefe-rantenwappen, außerordentliche Beförderung usw. als Gegenleistung fürerniedrigenden Spickerdienst. Auch ohne geringste Übertreibungsneigungdarf behauptet werden, daß in Rußland keine Körperschaft und keinVerband, keine öffentliche Einrichtung und kein Gemeinwesen besteht,die nicht allesamt vom eklen Dunst der Geheimpolizei durchzogen wären.Er verpestet Kirchen und Schulen, Theater und Kunstakademien. Land-schaftsvertretungen und Reichsduma, Heer und Flotte, Arbeiterschaftund Beamtentum, Presse und Universitätshörsaal, Adel und Hof. . . .
Aufdeckung und Überrumpelung der Revolutionsherde inmitten aus-geübter Arbeitstätigkeit zählt die Ochrana zu ihren wichtigsten Auf-gaben. Die Aushebung von Hilfseinrichtungen der Revolution wie Ge-heimdruckereien, Laboratorien, Sammellagern verbotener Literatur ist nurin den Fällen vorgeschrieben, wenn dadurch zugleich die Aussicht be-steht, einer Verschwörung oder einer größeren Zahl von Verschworenen aufdie Spur zu kommen. Die weise Zurückhaltung ist den Geheimagentennicht etwa aus Schonsamkeit gegen die «kleinen» Missetäter auferlegt,vielmehr um die Hauptbeteiligten nicht unzeitig zur Vorsicht zu mahnen.In bestimmten Fällen scheut die Geheimpolizei auch nicht davor zurück,Geheimdruckereien als Locknetz auf eigene Kosten zu unterhalten. . . .
Ausnehmendste Sorgfalt leitet die an der Spitze der Ochrana Stehen-den bei Auswahl der mit der Voruntersuchung gegen politisch verdäch-tige Personen betrauten juristischen Stabsoffiziere des Gendarmeriekorps.Zu ihrem unerläßlichsten Rüstzeug gehören neben ihrer Fachschulungund Fremdsprachbeherrschung ein hervorragendes Maß an Welt- undMenschenkenntnis, Erfahrung, Geistesgegenwart, schnellste Erfassungs-kraft, Verschlagenheit, durchdringender Blick, Energie, Ausdauer undRücksichtslosigkeit. Alle diese Eigenschaften reichen jedoch zur Er-füllung ihres knifflig vielgestalteten Amtes nicht aus, wenn sie nichtdurchwoben sind von bestechender und vollendeter weltmännischer Höf-lichkeit im Verkehr mit dem Beargwöhnten oder Beschuldigten, gleich-viel ob dieser auf freiem Fuße steht oder schon ihr Gefangener ist. Erstrecht aber im Umgang mit den Zeugen entfaltet der Untersuchungsleitereine geradezu bestrickende Liebenswürdigkeit. Bis zur Überführung desOpfers. Dann ändert sich freilich das Bild seines Verhaltens.
Der Gipfelpunkt seiner Kunst ist erreicht, wenn es seinem Sugge-stionsvermögen gelingt, den zu Verhörenden in den Gedanken einzulullen,daß er nicht einem lauernden Gegner, sondern einem wohlmeinendenBerater gegenüberstehe. Deshalb behandelt er den Auszufragenden nichtetwa als verdächtigen Staatsverbrecher, vielmehr als gleichberechtigtePartei. Auf dem ebenmäßigen Verkehrsboden, als Gentleman dem Gen-tleman gegenüber. «Wir haben Sie leider herbitten müssen», lautet diewie zynische Ironie klingende Anrede, womit der Herr Ochranaoberstden Unglücklichen empfängt, den er am gleichen Tage um fünf Uhr