VI
Vorrede.
Freimut und männlichem Sinne zu rügen, mit allen Kräften zu ringen, daßdie Geschichte nicht zu Parteizwecken entstellt, nicht im Dienste einer vorüber-gehenden Modeströmung, einer politischen oder kirchlichen Orthodoxie miß-braucht werde; er hat auch darüber zu wachen, daß das edle Metall in wür-diger Form dargestellt werde, daß die Weltgeschichte, ob sie gedrängt und über-sichtlich oder umfassend und ausführlich behandelt wird, vor den Augen desSchülers als ein Ganzes erscheine, so daß sie selbst in ihren dürftigsten Um-rissen eine reiche Welt von gewaltigen Thaten und Gestalten ahnen lasse. Sowenig ein besonnener Lehrer bei Behandlung der klassischen Sprachen sich vonden alten Sprachformen und grammatischen Ordnungen entfernen wird, sowenig darf auch der Geschichtslehrer die überlieferten Traditionen durch will-kürliche Bildungen ersetzen. In dem einen wie in dem andern Falle wird einsolcher Versuch nicht ungestraft bleiben. Ich brauche mich Wohl nicht gegen dieMißdeutung zu wahren, als wollte ich dem starren Festhalten am Alten dasWort reden. Niemand wird ein gesundes Leben und Fortschreiten, wo es sichimmer zeigen mag, freudiger begrüßen als ich; aber je mehr ich jeden freienGeistesflug im geordneten Weltraum ehre und fördere, je freudiger ich beijedem frischen Wachstum aus natürlicher Triebkraft mich angeregt fühle, destomißtrauischer blicke ich auf die Schöpfungen der Willkür, auf die schwächlichenSchößlinge eines künstlich erhitzten Pflanzenhauses. Der Flug des Jcarus istmir eben so unheimlich, wie das ängstliche Kleben an der Scholle, wie das eng-herzige Beharren in alten düstern Räumen ohne Luft und Sonnenlicht.
/ Mit diesen Anschauungen, die mit meiner Natur, mit meinem ganzenWesen in Einklang stehen, bin ich an die Weltgeschichte herangetreten, nach-dem ich zuerst durch einige Werke spezial-historischen Inhalts von eingehenderenStudien Zeugnis abgelegt und durch eine langjährige Lehrtätigkeit mich mitallen Teilen des Völkerlebens vertraut gemacht hatte.r Schwerlich ist jemalsein Schriftsteller mit größerer Schüchternheit und Scheu vor die Öffentlichkeitgetreten, als ich mit meinem Lehrbuch der Weltgeschichte.? Es bedurfte deräußern Aufmunterung, um mich auf der betretenen Bahn festzuhaltend Dieseist mir denn auch durch die freundliche Aufnahme, welche mem größeres wiemein kleineres Lehrbuch sowohl in Deutschland als im Auslande gefunden hat,in erhebender Weise zu teil geworden.5 Dennoch bin ich weit von dem selbst-gefälligen Glauben entfernt, daß meine Leistungen allen Anforderungen ge-nügten/Nur einen Vorzug nehme ich in Anspruch, und diesem habe ich Wohlalle Erfolge zuzuschreiben: es ist die warme Begeisterung für die Sache, es istdie aufrichtige Hingebung an den Beruf des GeschichtslehrersL Vielleicht,daß sich in der Darstellung einige Spuren von den Gefühlen kund geben,die beim Schreiben oder Lehren in meiner eigenen Brust lebten undnach Ausdruck rangen. VJch kann darüber nicht urteilend Nur das eine weißich, daß alles, was ich mündlich oder schriftlich mitteile, seinen Weg ausdem Herzen nimmt, und daß ich aus meinen Lehrstunden oder von meinemSchreibtische in der Regel die größte Ausbeute für mich selbst, für meineigenes Innere davontrage./« Ich erwähne dieses nur um die Ansicht zu be-gründen, daß, wenn zu jedem erfolgreichen Schaffen ein innerer Beruf gehört,dies vor allem von dem Geschichtsunterrichte gelte, daß bei diesem Lehrgegen-stande jeder Methodik als oberster Satz vorauszuschicken sei: Der Geschichts-lehrer müsse vor allem selbst von seinem Stosse erfüllt und er-wärmt sein.
i> Aber wie wahr es auch bleibt, daß jeder Geschichtslehrer sich seine eigeneMethode schaffen müsse, so ist es nicht minder wahr, daß er an fremden Er-fahrungen und Versuchen vieles lernen könne. Der Weg durch die eigene Schule