8
Geschichte der alten Welt.
8 . 6 .
Wurde befördert durch die dem Orient eigentümliche Sitte der Vielweiberei(Polygamie), welche das Familienleben, die Quelle häuslicher Sittlichkeit,Kraft und Tugend, untergrub. Was die Kunst der Morgenländer anbelangt,so ist zwar dre riesenmäßige Anlage ihrer Bauwerke und die unglaublicheGeduld und Ausdauer bei der Ausführung und Vollendung höchst bewunde-rungswürdig, aber sie hat nie weder dre harmonische Schönheit noch die Zweck-mäßigkeit und das Gleichmaß (Symmetrie) freischaffender Völker erreicht. DieSchöpfungen ihres Kunst- und Gewerbfleißes(Jndustrie) zeugen mehr vonhandwerksmäßiger Fertigkeit, die durch viele Übung erlangt und durch Kasten-und Zunftzwang festgehalten ward, als daß sie freie Produkte eines erfinderi-schen Geistes und eines innerm Schaffens gewesen wären. Die Knechtschafthing Wie ein Bleigewicht an allen Lebensäußerungen des Morgenländers.
2. Chinesen.
8- 6. So wenig die Chinesen ihrer Natur nach geeignet sind, in das ge-schichtliche Leben einzuführen, an dem sie selbst keinen Teil haben, so werden siedoch mit Recht an den Eingang gestellt, da die Entwickelung des Menschenge-schlechts im allgemeinen der Sonne in ihrem täglichen scheinbaren Laufe gefolgtist und somit aller Wahrscheinlichkeit nach die Völker des äußersten Osten amfrühesten aus dem Zustande halbwilder Naturvölker herausgetreten sind. —In dem großen Kaiserreiche China, dem „himmlischen Reiche der Mitte", lebtseit den ältesten Zeiten ein Volk mongolischer Abkunft, das schon Jahrtausendelang unverändert dieselbe Kultur und dieselben Einrichtungen besitzt. Allesist daselbst durch herkömmliche Gesetze und Formen geregelt und jede Freiheitverbannt. Der Mangel einer fortschreitenden Entwickelung beruht teils aufdem zähen Charakter des Volkes, das am Gewohnten und Überlieferten festhält,teils rührt er daher, daß das Reich durch Gebirge, Meere und die große, über300 Meilen lange chinesische Mauer von dem Verkehr mit andern Völkernausgeschlossen und allen Fremden der Zutritt in das Land streng verboten ist.teils hat er seinm Grund in den politischen Einrichtungen. Denn der mit un-umschränkter Herrschergewalt ausgerüstete, als „Sohn des Himmels" und „ge-heiligter Herr" göttlich verehrte Kaiser und der zahlreiche Stand bevorzugterGelehrten und Beamten (Mandarinen) halten das geknechtete und mit gro-ßer Verachtung behandelte Volk bei dem Herkömmlichen fest und entrücken rhmalles Neue. Da die Chinesen somit von den Erfahrungen fremder Nationenleinen Gebrauch machen konnten, so blieben sie hinter andern Völkern in all-gemeiner Bildung zurück, obgleich sie schon in uralten Zeiten mit dem Kom-paß, dem Schießpulver und einer Art Bücherdruck bekannt waren undstets eine wunderbare Emsigkeit und Arbeitsamkeit an den Tag gelegt haben.Ja selbst ihre Industrie kann sich mit der Gewerbthätigkeit und dem Kunst-fleiß der westlichen Kulturstaaten nicht messen, so sehr sie auch von jeher wegmihrer Geschicklichkeit in der Seidenweberei, in der Bereitung von feinemPorzellan, von Schreibmaterialien, Schnitzwerken, Elfenbeinarbeiten u. dgl.gepriesen wurden. Der Ackerbau, der unter der unmittelbaren Obhut desKaisers steht, so daß dieser ein bestimmtes Stück Land selbst bebaut und be-Pflügt, ist die älteste und angesehenste Beschäftigung; er bildet das ordnendeund sittrgende Element im chinesischen Staats- und Volksleben. Neben demAckerbau, dessen Blüte sich in den weiten Getreide- und Reisfeldern und in denzahlreichen Gärten kund giebt, ist die Theekultur und Seidenbereitungder Stolz des Landes, die Quelle großer Einkünfte. Und wie de'. Kaiser alsSchützer und Förderer des Ackerbaues gilt, so erfreut sich die Seidenkulturder besondern Fürsorge der Kaiserin. Die chinesische Erziehung bezweckt nicht