8. 7.
Morgenländische Völker.
die Entwickelung der Geisteskräfte des Menschen zu einer allgemeinen Men-schenbildung, sondern nur das Erlernen dessen, was die Vorfahren gewußt undgeübt haben und was dazu dient, bürgerliche Tugend, Beobachtung der Staats-gesetze und Gehorsam gegen Obrigkeit und Eltern zu erzeugen. Diese Erziehung,Lebensweise und Regierungsart machte die Chinesen feig und unkräftig, raubteihnen Ehrgefühl und Thatkraft. Dennoch haben sie die größte Meinung vonihrer Vvrtrefflichkeit und betrachten alle andern Völker mit hochmütiger Ver-achtung. Ihre Schriftsprache, die nicht aus Buchstaben, sondern ausZeichen oder Bildern besteht, ist so schwierig und unbeholfen, daß zum bloßenLesenlernen viele Jahre erforderlich sind. Als Gesetzgeber und Begründer ihrerReligion, ihrer Staats- und Gesellschaftsordnung verehren die Chineseneinen alten Weisen Confucius (Kong-fu-tse), der die alten Lehren undGesetze, Geschichten und Überlieferungen sammelte und ordnete, dadurch dem »- ^dr.Herkommen, Festigkeit und Halt gab.
3. Inder.
§. 7. Südwärts der schneebedeckten Höhen des riesigen Himalajah er-streckt sich ein fruchtbares, glückliches Land mit einem abwechselnden Klimaund reich an kostbaren Erzeugnissen der mannigfaltigsten Art. In diesem vomIndus, Ganges und andern großen Flüssen durchströmten Lande lebte vorAlters ein merkwürdiges Volk, Inder oder Hindu genannt, von dessen der-einstiger Größe noch viele Bauwerke, Trümmer von Städten und Tempeln,wunderbare Denkmale in Schrift und Stein und zahllose geschichtliche Erin-nerungen Zeugnis geben. Die Inder waren Nachkommen der Arier, die einstaus dem tübetanischen Hochlande Wanderzüge unternahmen und die minderkräftigen Urbewohner des südlicheren Landes unterjochten. So lange sie indem Lande der fünf Ströme bis zum heiligen Fluß Sarasvati wohnten, führ-ten die Arier, in viele Stämme geteilt, unter Leitung von Ältesten, Geschlechts-häuptern und Königen ein seßhaftes Hirten- und Landleben und verehrten dieNaturmächte in Liebem und Opfern. Mit der Zeit aber, nachdem sie weiterostwärts in das Gebiet des Ganges und der Jamuna gewandert, vertauschtensie diese ursprünglichen Lebensformen mit den Kastennnrichlungen, denen siedie strengste Prägung gaben. Die erste und angesehenste Kaste waren die mitGütern, Ehren und Vorrechten reich bedachten Priester, Brahmancn genannt;sie galten für heilig und unverletzlich und dursten wegen keines Verbrechenskörperlich gestraft werden; sie waren steuerfrei, bildeten den Rat des Königsund bekleideten die meisten Ämter. Den Brahmanen zunächst standen dieKrieger (Kschatrija), denen gegen Sold und gewisse Vorteile die Be-fchützung und Verteidigung des Landes oblag; da aber bei der Friedfertigkeitdes Volkes und der Abgeschlossenheit des Landes selten Feinde abzuwehren undkriege zu führen waren, so erschlafften und entarteten die Krieger und erleich-terten somit den Priestern das Streben, die erste Stelle einzunehmen. DerKriegerkaste gehörten die Könige an. Die Ackerb auer, Kaufleute und Ge-werbtreibenden, welche den dritten, minder geachteten Stand der Vaisiabildeten, waren von Steuern, Abgaben und Erpressungen schwer gedrückt undwurden von hartherzigen Amtleuten so ausgesogen, daß sie trotz der großenFülle und Fruchtbarkeit des Bodens in Not und Kümmernis dahinlebten.
Die dienende Klasse, Sudra, war von allen Ehren und Rechten ausgeschlossenund durste nicht einmal an der Religion und den heiligen Büchern der arischenInder, die sich die „Wiedergebornen" nannten, teilnehmen. Die verachtetsteMenschenklafse in JndienwarendieParia oder Tschandala, von denen, wie«an annimmt, unsere Zigeuner abstammen. Es sind die dunkelfarbigen Ab-kömmlinge der wilden Urbewohner, die von den übrigen Indern als der Aus-