160
Das Mittelalter.
8. 22L.
Balduins von Flandern in Venedig, um sich nach dem heiligen Landeübersetzen zu lassen. Da erschien vor ihnen der byzantinische KaisersohnAlexius, dessen Vater Jsaak Angelus von seinem eigenen Bruder desThrones beraubt, geblendet und eingekerkert worden, und flehte ihre Hilfe gegendm Thronräuber an. Durch die Zusicherung großer Belohnung und Lurchdas Versprechen, die morgenländische Kirche dem Papste zu unterwerfen undzur Wiedereroberung Jerusalems behilflich zu sein, gewann Alexius die fürAbenteuer und romantische Ritterfahrten begeisterten Kreuzfahrer für feineZwecke. Unter der Leitung des neunzigjährigen, fast erblindeten Dogeniso 4 . Dandölo von Venedig segelten sie nach Konstantinopel, eroberten die Stadtund setzten Alexius und feinen Vater auf den Thron. Als sie nunmehr abertrotzig die Erfüllung der Versprechungen forderten, erregte das Volk einenAufstand, bei welchem Alexius erschlagen wurde, Jsaak vor Schrecken starbund der Urheber der Empörung den Thron erlangte. Da stürmten die FrankenKonstantinopel, plünderten Krrchen, Paläste und Wohnhäufer, zerstörten dieherrlichsten Kunstschätze des Altertums und füllten alles mit Greuel undSchrecken. Sie stürzten den Kaiser von einer Säule herab und teilten danndas byzantinische Reich. Das neu errichtete lateinische Kaisertum mit derHauptstadt Konstantinopel wurde dem tapfern Balduin zu teil; dieVene-tianer eigneten sich die Küstenländer und viele Inseln des ägäischen Meereszu und brachten den ganzen morgenländischen Handel in ihre Gewalt; derGras von Montserrat erhielt Macedonien und einige Landschaften des altenHellas als Königreich Thessalonich; Villehardouin, der Geschicht-schreiber dieser Begebenheit, wurde Herzog von Achaja; Athen und anderegriechische Städte kamen in den Besitz fränkischer Edlen. Wie in Jerusalemwurde auch hier eine Lehnsmonarchre mit abendländischen Formen errichtet,wobei die alte Bevölkerung größtenteils in ein abhängiges Verhältnis kam.Aber das neue Kaisertum hatte keine feste Grundlage und keine lange Dauer.Mühsam erhielt es sich mit abendländischer Hilfe ein halbes Jahrhundertgegen die zahlreichen Feinde; dann siel es wieder zum großen Teil demi2«i. Michael Paläolögus zu, einem Abkömmling der alten Kaiserfamilie, diein Nicäa eine selbständige Herrschaft gegründet hatte.
Z. 225 . Dieser Kreuzzug war demnach ohne Erfolg für Jerusalem, undda das lateinische Reich noch überdies dem heiligen Lande die Kräfte entzog,so geriet dieses letztere bald in große Not. Die vereinzelten Scharen, die vonZeit zu Zeit ohne Plan und Führung die gefahrvolle Unternehmung wagten,brachten dem hartbedrängten Königreich eben so wenig Hilfe, wie die schwär-1212 merische Begeisterung, welche Scharen von Kindern zur Annahme desKreuzes trieb. Geleitet von dem Ausspruch Jesu, daß man den Kindlein nichtwehren solle, zu ihm zu kommen, da solcher das Himmelreich sei, verließen inFrankreich und Deutschland taufende von Kindern, Knaben und Mädchen, daselterliche Haus, um das heilige Grab zu erwerben, kamen aber zum Teil durchHunger und Ermattung um, oder sie wurden von habsüchtigen Kaufleutenund Seeräubern als Sklaven verkauft. Nur wenige der jugendlichen Schwär-E 7 . mer kehrten wieder zu den Ihrigen.zurück. Auch der Zug, den Andreas II.von Ungarn mit den Herzögen von Österreich und Bayern, dem Grafen Wilhelmvon Holland und vielen deutschen Edeln und Bischöfen unternahm, war ohnedauernden Erfolg. Der König kehrte bald in die Heimat zurück und der kühne1221V den die andern unter der Führung Johanns von Brienne, Titular-
kömas von Jerusalem, und des päpstlichen Legaten Pelagius Wider Ägyptenmachten, endete nach der vorübergehenden Besitznahme von Damiette miteiner verlustvollen Niederlage vor Mansurah und auf dem Nil. — Nach