176
Das Mittelalter.
§. 248.
samkeit und die erstaunliche Arbeitskraft. Im 13. Jahrhundert erlangte die Scho-lastik in dem Dominikaner Thomas von Aqurno und dem Franziskaner DunsScotus ihre höchste Ausbildung, so daß sich von nun an alle Scholastiker in Tho-misten und Scotisten schieden. — Warme Gemüter und gefühlvolle Naturenkonnten sich mit der trockenen Verstandesbildung dieser Scholastiker nicht befreunden;sie setzten daher deren auf philosophischen Regeln und Denkformen aufgebautemChristentum eine Religion des Gefühls, der Poesie und der Einbildungskraft entgegen.Dies geschah zuerst durch den heil. Bernhard von Clairvaux (Z. 222) und durchden gemütvollen Bonaventura (s- 1274); am umfassendsten aber durch dieMystiker. Diese ahmten das arme Leben Christi nach, suchten durch Kasteiung des ^Fleisches und Ertötung der Sinnlichkeit die Lasterhaftigkeit der Welt zu überwindenund strebten, sich im Gefühle unmittelbar mit der Gottheit zu vereinigen. Der >Mysticismus hat mächtig auf Litteratur und Leben eingewirkt; und wenngleich dieLehre von der Demut und Selbsterniedrigung die Thatkraft lahmte, das erregte Ge-müts- und Gefühlsleben hin und wieder zu Schwärmerei führte, so war doch der Ein-fluß aus die in Roheit und Stumpfsinn versunkene Menschheit von wohlthätigenWirkungen. Die „Nachfolge des armen Lebens Christi" des DominikanermönchsJoh. Tauler von Straßburg und das „Büchlein von der ewigen Weisheit" desHeinr. Sufo von Konstanz standen in großem Ansehen. Die mächtigste Wirksamkeitunter den Mystikern hatte die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens inden Niederlanden, zu welcher auch Thomas von Kempen (f 1471) gehörte,dem man das weit verbreitete, in alle Sprachen übersetzte Andachtsbuch von derNachfolge Christi zuschreibt. — Eine dem Mysticismus verwandte Geistesrich-tung gab sich in den Geißlerbrüdern (Flagellanten) kund. Im 13. Jahrhun-dert, als unter den Kämpfen der Guelfen und Ghibellinen die Laster und Verbrechensich häuften, wurden die Städte Italiens durch Züge von Büßenden erschreckt, dieunter Bußgesängen einherzogen und sich den entblößten Nacken bis aufs Blut geißel-ten, um eine Sühnung mit Gott zu erzielen. Dasselbe fand auch im 14. Jahrhun-dert in Deutschland und andern Ländern statt, da die als schwarzer Tod be-zeichnete Pest nach furchtbaren Verheerungen in Asien (1340 —1348) ihren Wegdurch Europa machte und als göttliches Strafgericht angesehen ward. Es bildetenfichGeißler-Vereine, die Buße predigend und sich kasteiend von Ort zu Ortzogen und selbst durch Bann und Inquisition sich in ihrem Thun nicht stören ließen-§.248. 2) Nicht bloß die theologischen und philosophischen Stu-dien, sondern auch die Mathematik und Naturwissenschaften, so wie diegelehrte Geschichtschreibung, waren und blieben in den Händen der Geistlich-keit. Auf die Erweiterung und Ausbildung der Realwissenschaften übten dieGriechen und Araber den größten Einfluß. In arabischen Schulanstalten schöpftendie abendländischen Geistlichen einen großen Teil ihrer bewunderten Weisheit. Al-bertus Magnus (si 1280), ein weitgereister und vielgepriesener Lehrer, besaßsolche Kenntnisse in der Naturlehre, daß er allgemein für einen Zauberer galt. ^Unter den Verfassern lateinischer Zeitbücher (Chroniken) und Jahr-bücher (Annalen) nehmen in Frankreich Wilhelm von Thrus, der Ge-schichtschreiber der Kreuzzüge und des heiligen Landes, in Deutschland OttoVon Freising, der Halbbruder König Konrads III., den ersten Rang ein. Nebendieser gelehrten Geschichtschreibung gab es schon zur Zeit der Kreuzzüge in Frank-reich,Spanien und Italien geschichtliche Schilderungen einzelner Zeitabschnitteund Begebenheiten in der Landessprache, die, wenn auch weniger zuverlässig als jene,doch für die Bildungsgeschichte wichtiger und zum Lesen interessanter sind. Dahingehören: 1) in Frankreich die Geschichte des vierten Kreuzzuges von Villehar-douin (8- 224), Joinvilles Geschichte und Chronik des heil. Ludwig und vorallen Fro ifsarts Geschichte und Chronik seiner Zeit (1326—1400). Des letzten