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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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187
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8- 264.

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Verfall des Ritterwesms und Entartung der Kirche.

War gespalten, die Gewissen verwirrt, dieKirche zerrissen. Die Welt entbehrteder Tröstungen der Religion.Man schrie laut nach Brot und die entarteteund gespaltene Kirche reichte einen Stern." Umsonst versuchte die Kirchen-Versammlung von Pisa das Übel zu heilen, indem sie die Päpste absetzteund einen andern wählte; die zwei ersten beharrten auf ihren Ansprüchen, sodaß die Kirche nunmehr dreispaltig war. Ein allgemeines Ärgernis gingdurch die christliche Welt und erzeugte den lauten Ruf nach einer Verbesse-rung der Kirche an Haupt und Gliedern. Während jedoch die Parteider Gemäßigten, vor allen die gelehrten Theologen der Pariser Universität(Sorbonne), diese Verbesserung dadurch herbeizuführen hofften, daß sie aufEinberufung einer allgemeinen Kirchenversammlung drangen, die überdem Papste stehe, steuerten die Schüler und Anhänger.des Oxforder Pro-fessors Joh. Wycliffe (Wiklefs) auf eine durchgreifende Änderung der Kirche ^m Glauben und Verfassung los. Wycliffe hatte nämlich nicht nur das Papst-tum für eine unchristliche Einrichtung erklärt und gegen Ablaß, Mönchswesen,Heiligenverehrung u. dgl. geeifert, sondern er war auch durch Übersetzung derBibel ins Englische und durchVerwerfung mehrerer Glaubenssatzunqen, wieOhrenberchte, Cölibat, Wandlungslehre (Transsubstantiation)als Reformator aufgetreten. Sein bedeutendster Anhänger war JohannesHutz, Professor in Prag, ein durch Gelehrsamkeit und sittlichen Wandel wie durchchristliche Sanftmut ausgezeichneter Mann. Er predigte gegen die Mißbräuchedes Papsttums, gegen die Reichtümer und die irdische Macht des geistlichenStandes, gegen Möncherei und Ablaß; und obgleich der Papst den Bannüber ihn aussprach und seine Schriften verdammte, so mehrte sich doch mitjedem Tage die Zahl seiner Anhänger, unter denen sich ein böhmischer Edel-mann Hieronymus von Prag durch Eifer auszeichnete. Die Deutschen aufder Universität Prag wurden, weil sie sich der Hussitischen Neuerung abgeneigtzeigten, in ihren Rechten verkürzt, weshalb 5000 Studenten und Professorenauswanderten und dadurch die Gründung anderer Universitäten, zunächst inLeipzig, herbeiführten.

H. 264. Als endlich, von Kaiser Sigismund bestürmt, Papst JohannXXIII. die Konstanzer Kirchenversammlung einberief, zogen Scharen geist-sicher und weltlicher Herren aller Nationen, Papst und Kaiser an der Spitze r««-in der Bodenseestadt ein, wo somit der Glanz des ganzen Abendlandes ver-einigt war. 150000 Menschen sollen zugegen gewesen sein. Einheit undVerbesserung der Kirche war das hohe Ziel der Versammlung, die sichdaher gleich anfangs als allgemeines, die ganze Christenheit umfassendes Konzilhinstellte, das seine Gewalt unmittelbar von Christo habe und dem jedermannohne Unterschied gehorchen müsse. Darum sollten zuerst die drei Päpste zurAbdankung bewogen werden; und als Johann XXÜI., um dieser DemütigungM entgehen, bei Gelegenheit eines Turniers mitHilfe Friedrichs von Öfter- "ir.reich verkleidet entfloh und seine Entsagung widerrief, erklärte die Versamm-lung, daß sie selbständig sei und über dem Papste stehe, sprach Johanns Ab-setzung aus und vereinigte sich mit dem Kaiser zur Bestrafung der Widerstreben-den. Friedrich von Österreichmit der leeren Tasche" wurde geächtet und durchoie Schweizer seines Stammlandes Aargau und anderer Besitzungen beraubt,Johann XXIII. wurde auf dem Heidelberger Schloß und in Mannheimlängere Zeit in Haft gehalten. Von den beiden andern Päpsten entsagte der eine,der andere wurde nach langen vergeblichen Unterhandlungen entsetzt. Alleindie Bestrebungen der Deutschen und Engländer, welche zuerst die Kirche ver-bessern und dann einen neuen Papst wählen wollten, wurden hintertrieben durchoie Franzosen und Italiener (Ultramontanen), welche vor allem auf eine