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Das Zeitalter Philipps II. und Elisabeths.
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rara dichtete Ariosto das reizende scherzhafte Heldengedicht der rasende Roland,und der schwermütige Torquato Lasso besang in dem befreiten Jerusalem denersten Kreuzzug in schöner Sprache und empfindsamen Tönen.
3. Auch in Spanien und Portugal war das 16. Jahrhundert das goldeneZeitalter der Kunst und Litteratur. Cervantes hat in dem komisch-satirischen Ro-man Don Quixote das Bild eines Menschen entworfen, der vor den nebelhaftenGebilden einer Traumwelt die Dinge der Wirklichkeit gänzlich mißkennt und füreine Sache ficht, die nur in feiner Einbildung besteht, mit solcher Kunst, daß derName des Helden sprichwörtlich geworden ist: in Lope de Vega („der Stern vonSevilla") und Calderon („das Leben ein Traum") hat die dramatische Poesiein Spanien ihren Höhepunkt erreicht. Der portugiesische Dichter Camoens hat inseinem Heldengedicht „die Lusiaden" die große Zeit der Entdeckung Indiens Ver-herrlicht. Bei der Überfahrt von Ostindien in seine Heimat verlor er durch einen Schiff-bruch sein Vermögen und rettete nichts als sein Gedicht, das er von Seewaffer benetztschwimmend ans Land trug. In Portugal geriet er allmählich in solche Armut, daßer sich durch einen indischen Diener Brot sammeln ließ, um nicht Hungers zu sterben.
4. In England führte einer der größten Dichter aller Zeiten, WilliamShakespeare, die dramatische Dichtkunst, sowohl die Tragödie als das Lust-spiel, zur höchsten Vollendung. Seine großen Dramen haben teils geschichtlicheBegebenheiten (Julius Cäsar; Heinrich IV.; Richard III.), teils allgemeinMenschliche Geschicke zur Grundlage (Macbeth; König Lear; Romeo und Julie;Othello); unter den Komödieen sind der Sommernachtstraum und die lustigenWeiber von Windsor am bekanntesten; in dem letzteren spielt der Genosse Hein-richs V., der feiste sinnliche Falstaff, das Urbild eines komischen Charakters, dieHauptrolle. Von den übrigen Stücken sind Hamlet, der Sturm und der Kauf-mann von Venedig die berühmtesten. In den „Sonetten" enthüllt er seineEigene tiefe Gefühlswelt und gestattet uns einen Blick in sein wechselvolles Leben.Meister der Sprache weiß Shakespeare dem Starken und Erhabenen, wie dem Ge-fälligen und Zarten angemessene Worte zu geben. Neben Homer und Dante istShakespeare die reichste Quelle für die bildende Kunst geworden.
5. In Frankreich wurde im sechzehnten Jahrhundert die romantische Poesiebes Mittelalters durch die klassische Litteratur des Altertums und ihre Nachahmergänzlich verdrängt. Der von Franz I. begünstigte Rabelais verspottete in seinemsatirischen Roman Gargantua und Pantagruel die romantische Dichtung undihre Helden. Ein witziger Schriftsteller voll derben Humors und volkstümlicherScherze, zieht Rabelais das ganze öffentliche Leben in Staat, Kirche und Gesell-schaft in das Bereich seiner Satire, ein Gemälde voll Zuchtlosigkeiten und abstoßen-der Nacktheiten, aber mit einem ernsten Hintergründe. Sein Zeitgenosse , der leicht-fertige Lyriker Element Marot, und der gelehrte Ronsard nahmen die römischenDichter, besonders Horaz und Ovid, zum Vorbild; und Jod eile machte den erstenBersuch, das antike Drama (mit dem Chor) in Frankreich einzuführen. SelbstMalherbe, mit dem die Franzosen ihre klassische Litteratur beginnen, ist in seinenhatten, aber gedankenarmen Gedichten zur Verherrlichung Heinrichs IV. und derEourbonen nur Nachahmer der Alten, und der Hugenottendichter Dü Bartas,dessen „Woche der Schöpfung" von Milton in seinem „verlorenen Paradies" be-nutzt wurde (Z. 394), lehnte sich an das Altertum an.
^ 6. Wie in den Wissenschaften und in der Dichtkunst, so nahm im sechzehnten
Jahrhundert Italien und Deutschland auch in den schönen Künsten den ersten Rang°"l. Während im Mittelalter alle Künste der Baukunst untergeordnet und mitA zu einem religiösen Ganzen vereinigt waren (Z. 249. 4.), trat jetzt ein gewissesGleichgewicht ein, indem die Skulptur und Malerei sich selbständig ausbildetenund unter dem Einfluß der Antike freiere und edlere Formen annahmen. Dadurch
Ariosto
1474—
1533.
TorquatoLasso1- 1595
Cervantes
1547-
1616.
Lope deVega1562—1635.
Calderon
1600—
1681.
Camoens
1524-
1579.
Shake-
speare
1564—
1616.
Rabelais1- 1553.
Cl. Marot1- 1544.Ronsard1- 1585.Jodelte-f 1573.Math erbt-s 1628.
Die
schönen
Künste.