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Die neue Zeit.
Z. 373.
in Ungarn abwesenden Kaiser. Die Antwort bestätigte das Verbot und er-i?is. teilte den Beschwerdeführern einen strengen Verweis. Erzürnt darüber zogendie Defensoren unter Anführung des Grafen v. Thurn bewaffnet auf dieSchloßkanzlei, um die kaiserlichen Räte, denen man das scharfe Schreibenschuld gab, zur Verantwortung zu ziehen. Nach kurzem Wortstreit ergriffen dieerhitzten Protestanten zwei der anwesenden Räte, Martinitz und Slawäta,die als katholische Eiferer besonders verhaßt waren, und warfen sie nebst demGeheimschreiber Fabricius zum Schloßfenster hinunter. Aber trotz der Höheund der nachgefeuerten Schüsse kamen alle mit dem Leben davon. Hierauf setztendie evangelischen Stände eine neue Regierung ein, verjagten die Jesuiten undrüsteten ein Kriegsherr unter Thurns Oberbefehl aus. Die Nachricht vonro-gMai dwsen Vorgängen beschleunigte den Tod des kränklichen Matthias. Er starbin demselben Augenblick, als Thurn, unterstützt von dem tapfern Scharen-sührer Ernst von Mansfeld, die in Böhmen eingerückten kaiserlichen TruppenSwii. zurückschlug und mit Heeresmacht vor den Thoren Wiens erschien. Die ge-drückten Protestanten von Österreich suchten Thurns Anwesenheit zu ihrerErleichterung zu benutzen; ihre Abgeordneten drangen in die Kaiserburg undforderten mit Drohen von Ferdinand Religionsfreiheit und Gleichheit derRechte mit den Katholiken. Die Gefahr war groß; aber standhaft weigerteFerdinand jedes Zugeständnis, ungebeugt durch die Not und Bedrängnisdes Augenblicks, aus der ihn erst die Ankunft der Dampierreschen Reiterauf dem Burghof befreite. Ungünstige Witterung und Mangel an Lebens-mitteln nötigten Thurn zum Abzug.
8-r»nmd H 373. Bald nachher wurde Ferdinand II. in Frankfurt zum deut-»6ig- schen Kaiser gewählt; aber ehe noch die Krönung vollzogen war, fielen die»6L7. stände von Böhmen und Mähren vom Hause Österreich ab und wählten denKurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, das Haupt der protestantischenUnion, zum König. Umsonst warnten ihn wohlmeinende Freunde vor demgefahrdrohenden Geschenk; die Stimme seiner stolzen Gemahlin Elisabeth,einer Tochter König Jakobs I. von England, die Ermahnung seines calvini-schen Hofpredigers Scultetus und sein eigenes Gelüsten gaben den Ausschlag.N°». Der eitle schwache Mann nahm die böhmische Krone an und eilte zur Krönung»« 1 ». und Huldigung nach Prag, wo er mit leerem Schaugepränge die Zeit ver-geudete, sich dem Wohlleben ergab und durch seinen calvimschen Eifer dieLutheraner und Utraquisten in Böhmen beleidigte. Ganz anders Ferdinand.Dieser schloß einen Vertrag mit dem klugen, jesuitisch erzogenen Maximilianvon Bavern, dem Haupte der wohlgerüsteten Liga, worauf letzterer seinenkriegskundigen Feldherrn, den Niederländer Tllly, mit Heeresmacht in BöhmeniWg?' einrücken ließ. Bald ereignete sich die Schlacht am Weißen Berg, wo Fried-richs ermüdete Streiter der feindlichen Übermacht erlagen und ihr Heil inwilder Flucht suchten. Eine einzige Stunde entschied Böhmens Schicksal.Friedrich verlor so sehr alle Besonnenheit und allen Mut, daß er in größterEile über Schlesien nach den Niederlanden entfloh, verfolgt von der kaiserlichenAchtserklärung, die ihn seiner pfälzischen Erbländer beraubte. Inwenigen Monaten war Böhmen und Mähren dem österreichischen Hause aufsneue unterworfen. Ferdinand zerschnitt mit eigner Hand den Majestäts-brief; siebenundzwanzig der vornehmsten protestantrschen Edelleute blutetenauf dem Schaffst; Hunderte büßten rhre Schuld mit Verlust ihres Vermögens;die eingezogenen Güter wurden den Jesuiten und andern Ordensgeistlichenverliehen. Zwang, Druck und Verführung verschafften in einigen Jahrzehntender katholischen Religion einen vollständigen Sieg, nachdem über 30 000 Fa-milien das Land verlassen hatten. Bald darauf löste sich die Union, die diesenVorgängen ruhig zugesehen, unter dem Hohn der Völker auf.