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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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289
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8. 409.

Das Zeitalter Ludwigs XIV.

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kunst erreichte zu Ludwigs Zeit ihren Höhepunkt in Peter Corneille, dessenCid"als Grund und Anfang der klassischen Bühnendichtung gilt, in Jean Racine, dermseiner Jphigenie und Phädra mit Euripides zu wetteifern wagte, in Estherund Athalie mit Glück biblische Stoffe behandelte, und in dem talentvollen Komö-diendichter Moliöre, dessen Tartüsse, Geizhals, Menschenfeind u. a. dmtiefen Kenner der menschlichen Natur in ihrer Verirrung beurkunden. Boileau(Despröaux), ein gewandter Vcrskünstler, Wurde wegen seiner Oden und Sa-tiren als französischer Horaz gepriesen; Lafontaines Fabeln und Erzählungensind noch jetzt als Schul-und Kinderbuch in allen Familien bekannt; die Aben-teuer Telemachs vom Bischof Fenelon sind in alle europäischen Sprachen über-setzt und haben eine unglaubliche Verbreitung. Zugleich wurde durch den BischofAossuet und andere geistliche Redner die Kanzelberedsamkeit, durch den HugenottenBahle die Philosophie des Zweifels (Skepticismus) und durch die Religionspartei°er Jansenisten, in ihrem Kampfe gegen die Jesuiten und deren gefährliche Sitt-tichkeitslehre, die Litteratur der Streitkunst mit Vernunftgründen (Polemik) aus-gebildet. In dieser letzten Gattung stehen die Briefe aus der Provinz von Pas-cal oben an. Durch sie wurde dieGesellschaft Jesu" in ähnlicher Weise erschüttert,tvie einst durch die Briefe der Dunkelmänner (Z. 313) der gesamte alte Klerus.

§. 409. Aber wie sehr auch Schmeichler das Zeitalter Ludwigs XIV. preisenMögen, einen Schandfleck, die Verfolgung der Hugenotten, können sie nicht ver-tilgen. Der französische König glaubte, daß mit einer vollendeten Monarchie Ein-heit der Kirche unzertrennlich sei. Darum bedrückte er die Jansenisten, einekatholische Partei, die zuerst gegen die Jesuiten, dann gegen das kirchliche Oberhauptselbst ankämpften, und zwang durch die härtesten Verfolgungen die Calvinisten teils^ur Flucht, teils zur Rückkehr in den Schoß der katholischen Kirche. Lange hinter-trieb Colbert, der die Hugenotten als betriebsame, gewerbthätige Bürger schätzte,gewaltsame Maßregeln; aber die Einflüsterungen des königlichen Beichtvaters La^haise, der Bekehrungseifer der frömmelnden Frau von Maintenon, die zuerstErzieherin am Hof, dann Ludwigs angetraute Gemahlin war, und der harte Sinn desKriegsministers Louvois trugen endlich den Sieg über die gemäßigten RatschlägeMlvon. Eine lange Reihe drückender Maßregeln gegen die Hugenotten bereitete denHauptschlag vor. Man verminderte die Zahl ihrer Kirchen und beschränkte denGottesdienst auf wenige Hauptorte. Ludwigs Anfälle von Reue und Andacht wur-den stets die Quelle neuer Drangsale für die calvinischen Ketzer, durch deren Bekeh-sswg er seine Sünden zu sühnen hoffte. Man schloß sie allmählich von Ämtern undWürden, von Gemeindestellen und Zunftrechten auS und begünstigte die Bekehrten,dadurch wurden die Ehrgeizigen verlockt; die Armen suchte man durch Geld zugewinnen, das aus des Königs Bekehrungskasse und aus den milden Gaben vor-Ahmer Frommen floß, und durch die Verfügung, daß der übertritt minderjährigerWender gültig sei, öffnete man dem Bekehrungseifer ein weites Feld. Familien wur-eu getrennt, Unmündige ihren Eltern entrissen und im katholischen Glauben erzogen,ce Wiederaufnahme reuiger Neubekehrter in die alte Gemeinschaft als Verbrechencstraft. Hof und Klerus, der lieblose und beredte Bischof Bossuet an der Spitze,I^ten alle Mittel in Bewegung, um Frankreichs kirchliche Einheit zu begründen.

nd als alle Wege der Verführung nicht hinreichten, erfolgten die Dragonaden.Aus Louvois' Befehl besetzte Reiterei die Landschaften des Südens und nahm ihreQuartiere in den Wohnungen der Hugenotten. Bald schwand der Wohlstand dergcwerbsamen Bürger, von deren Gut die rohen Dragoner praßten. Die Mißhand-lungen dergespornten Bekehrer", die das Haus der Abtrünnigen verließen und in^UPelter Anzahl bei den Standhaften einrückten, wirkten mächtiger als alle Lockungena? r ss und alle Verführungen der Priester. Tausende flohen ins Ausland, uml fremder Erde ihres Glaubens zu leben. Endlich erfolgte die Aufhebung des

D-ber. N. Weltgeschichte. 19

CorneilleI 1884.Racine1 18SS.

Molierei-1673.Boileau1- 1711.

Lafontaine1 1894.

FenelonI 1718.

BossuetI 1704.Bahle1- 1706.

Pascal

r 1882 .