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Die neue Zeit.
8- 410.
D^b-r Edikts von Nantes. Nun wurde der Gottesdienst der Calvinisten verboten, ihreKirchen wurden niedergerissen, ihre Schulen geschlossen, ihre Prediger des Landes ver-wiesen. Und als die Auswanderung in erschreckendem Maße zunahm, wurde dieselbeunter Galeerenstrafen und Güterverlust untersagt. Allein trotz aller Drohungen undVerbote trugmüber 500 000 französische Calvinisten ihre Betriebsamkeit, ihren Glau-ben und ihr Herz in das protestantische Ausland. Die Schweiz, die Rheinpsalz, Hessen,Brandenburg, Holland und England boten den Verfolgten eine Freistätte. Durchflüchtige Hugenotten wurde die Seidenweberei und die Kunst des Strumpfwirkensdem Auslande mitgeteilt. Schmeichler priesen den König als Vertilger der Ketzerei,aber der Heldenmut der Bauern in den Cevennen und die große Anzahl von Huge-notten, die sich mit stiller Hausandacht begnügten, bewiesen, wie wenig der Reli-gionsdruck dem gehofften Ziele zuführte. Als sich nämlich die Verfolgung auch indie entlegenen Thäler der Cevennen erstreckte, wo Waldenser und Calvinisten inGlaubenseinsalt nach alter Sitte dahinlebten, da fanden die Dränger hartnäckigenWiderstand. Die Verfolgung erhöhte den Mut der Gedrückten, die Mißhandlungensteigerten ihren Glaubenseifer zur Schwärmerei. Angeführt von Cavalier, einemehemaligen Schäferjungen, und andern „Propheten", warfen die in leinene Kittelgekleideten Camisarden „die nackte Brust den Marschällen entgegen". Ein greuel-voller Bürgerkrieg füllte die friedlichen Thäler der Cevennen; flüchtige Priester feuer-ten im Dunkel der Wälder die evangelischen Brüder zum begeisterten Kampf an, bisdie Verfolger ermüdeten. An zwei Millionen Hugenotten blieben fast rechtlos undohne Gottesdienst.
IV. Das achtzehnte Jahrhundert.
1. Der spanische Erbfolgekrieg (1701 — 1714).
§. 410. Als der letzte Habsburger in Spanien, der kinderlose KönigKarl II., seinem Ende nahe war, ließ er sich, gereizt über die europäischenMächte, die noch bei seinen Lebzeiten einen Teilungsvertrag über seine Länderabgeschlossen, von dem französischen Gesandten zu einem geheimen Testamentbereoen, worin mit Umgehung Österreichs, das nach frühern Hausverträgendas nächste Anrecht auf den erledigten Thron hatte, der zweite Enkel Lud-wigs XIV., der Herzog Philipp von Anjou, zum Erben der ganzen spani-schen Monarchie ernannt wurde. Mit dem Begrüne des neuen Jahrhunderts»7<w. starb Karl II., und Ludwig XIV., von seinen Räten und seiner zweiten, un-,ebenbürtigen Gemahlin, der Frau v. Maintenon, bestimmt, entschied sichnach einigem Bedenken für die Annahme des Testaments, so sehr auch sein er-schöpftes Reich der Ruhe bedurft hätte. „Nun giebt es keine Pyrenäen mehr,"sprach der König im stolzen Machtgefühl. Aber so schnell sollte der Ausspruchnicht zur Wahrheit werden. Vielmehr hatte dieser Entschluß den heftigsten*W 7 -'Eer bisherigen Kriege zur Folge. Denn Kaiser Leopold griff zu den Waffen,
17«,». um seinem zweiten Sohn Karl das Erbe der Habsburger zu erkämpfen. Ausösterreichischer Seite standen nicht nur die meisten Fürsten Deutschlands, ins-besondere der Kurfürst Friedrich von Brandenburg, der für diesen Bei-stand in der Würde eines Königs von Preußen anerkannt wurde, undHannover, für das kurz zuvor eine neunte Kur errichtet worden war,sondern auch die Seemächte England und Holland, dieses aus Furcht vorFrankreichs drohender Übermacht, jenes aus Zorn, als der französische König !den Prätendenten Jakob (III.) Stuart bei dem Tode seines Vaters als»7«t. König von England anerkannte. Mit Frankreich stand nur der Kurfürstvon Bayern, Max Emanuel, und sein Bruder, der Kurfürst von Köln,in Verbindung. Spanien war geteilt. Die östlichen Landschaften, Arago-