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Der nordische Krieg.
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dessen Glück beschloß Karl auf Moskau loszurücken und in das Herz vonRußland zu dringen. Er nahm Grodno und Wilna weg, setzte im Juniüber die Beresina und schlug den Weg nach Smolensk ein. Kein russischesHeer bestand vor dem tollkühnen König, der an der Spitze seiner tapfernTruppen Flüsse durchwatete und Weglose Morastgegenden überschritt. Jetztaber trat ein Wendepunkt in Karls Leben ein. Statt seinen FeldherrnLöwenhaupt, der mit frischen Truppen und mit Kleidung und Nahrungs-mitteln für das ermattete Heer auf dem Wege zu ihm war, abzuwarten, ließer sich durch den alten Kosakenhetman Ma^eppa zu einem beschwerlichenMarsch in du waldige und steppenreiche Ukraine bereden. Löwenhaupt, vonder russischen Übermacht angegriffen, vermochte trotz seines ausgezeichnetenFeldherrntalents nur nach Aufopferung aller Artillerie, alles Gepäcks undaller Vorräte mit einem geringen Heer den rastlosen forteilenden König zu er-reichen. Auf die herbstlichen Regengüsse folgte ein äußerst strenger Winter,während dessen viele der abgehärteten Krieger der Kälte erlagen, TausendenHände und Füße erstarrten. Endlich schritt Karl zur Belagerung der festenHauptstadt Pultäwa; aber bei dem Mangel an Geschütz zog sich dieselbe indie Länge, bis Peter selbst mit großer Heeresmacht ankam. Nun ereignete sichdie Schlacht bei Pultäwa, wo das schwedische Heer gänzlich geschlagen wurde,alles Gepäck und die reiche Krieqskasse in die Hände der Feinde' fiel, dieüberlebenden Führer und Soldaten in russische Gefangenschaft gerieten.Karl XII. wurde aus dem stolzen Überwinder dreier Könige em hilfloser Flücht-ling, der sich nur durch die angestrengteste Flucht in einer obdach- und nahrungs-losen Steppe mit etwa 2000 Begleitern auf das türkische Gebiet rettete. Löwen-haupt sammelte den Rest der Flüchtigen, da aber bei dem Mangel an Nahrungand Geschütz kein Rückzug möglich war, so ergab er sich mit 16000 Mann.Keiner der tapfern Krieger sah die Heimat wieder; sie wurden in dem weitenReiche zerstreut und starben teils in den Bergwerken Sibiriens, teils alsBettler auf den Landstraßen. So wurde das heldenmütige Heer, gleich be-wunderungswürdig im Dulden wie im Handeln, vernichtet.
K. 424. Karl XII. wurde von den Türken ehrenvoll aufgenommen undgroßmütig behandelt. In seinem Lager vor Bender lebte er als Gastfreunddes Sultans in königlicher Weise. Aber der Gedanke, als Besiegter ohne Heerin seine Staaten zurückzukehren, war seiner stolzen Seele unerträglich. Erwollte die Türken zu einem Krieg mit Rußland bewegen und dann an ihrerSpitze die Staaten seines Feindes durchziehen. Während er zu dem Ende inBender Zeit und Kräfte vergeudete und alle Mittel anwandte, um die Türkenlür seine Pläne zu gewinnen, erneuerten seine drei Gegner das frühere Bünd-nis, worauf Friedrich August sich wieder des polnischen Thrones bemäch-tigte, Zar Peter seine Eroberungen an der Ostsee ausdehnte und der Könrgw>n Dänemark Schleswig von neuem an sich riß. Bald schloffen sich auchPreußen und Hannover an und besetzten die deutschen Gebiete derSchweden. Nur mühsam behauptete der tapfere General Stenb o ck mit einemsinnen Heer abgehärteter Bauernbursche die befestigten Küstenstädte. EndlichMen Karls XII. Plan in Erfüllung zu gehen. Ein türkisches Heer rückte inwe Moldau ein und brachte am Pruth den Zaren in eine so mißliche Lage,daß er in Gefahr stand, mit seinem ganzen Heer in Kriegsgefangenschaft zugeraten. Allein Peters Gemahlin Katharina, die aus einer Sklavin desAuffischen MinistersMenschikowendlich Beherrscherin aller Reussen ward,fand Mittel, den türkischen Vezier zu bestechen und zum Abschluß eines Frie-dens zu bringen. Karl XII. schäumte vor Wut, daß das so nahe gedachte ZielUun ferner als je gerückt sei. Dennoch beharrte er bei seinem Vorsätze und
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