298
Die neue Zeit.
November
1714.
Dezember
171S.
171«.
11. Dez.1718.
1719.
1719—
1721.
§. 425 . 426 .
blieb selbst dann noch in Bender, als ihm die Pforte die Gastfreundschaftkündigte, die bisher gereichte Geldunterstützung entzog und das türkischeGebiet zu verladen befahl. Er ließ sich von der Pforte das Reisegeld zahlenund blieb dennoch; endlich erstürmten oie Janitscharen sein Lager, steckten seineHütte, in der er sich mit Löwenkrast verteidigte, in Brand und nahmen ihnbei einem wütenden Ausfall gefangen. Aber noch über zehn Monate verharrteer in türkischer Gefangenschaft und verzehrte seine Kraft in kindischem Eigen-sinn. War es zu verwundern, daß man anfing, ihn für geistesverwirrt zuhalten? Erst als man ihm meldete, daß seine deutschen Besitzungen bis ausStralsund und Wismar in den Händen der Feinde seien, verließ er plötzlichnach fünfjährigem Aufenthalte die Türkei und langte nach einer vierzehn-tägigen, ohne alle Unterbrechung zu Pferde fortgesetzten Reise unerwartet vorden Thoren Stralsunds an.
H. 425. Unter den größten Anstrengungen wurde Stralsund über einJahr von den tapfern Schweden verteidigt; endlich mußte die Stadt aufgegebenwerden, worauf ganz Pommern nebst der Insel Rügen in die Gewalt derPreußen fiel. Aber noch immer wollte der starrsinnige König von keineiNFrieden hören. Auf den Rat des ränkevollen Baron von Görz ließ er Münz-zeichen (kupferne Thaler) anfertigen, um die Kosten zu neuen Kriegsrüstungenzu bestreiten, und ohne nur den Ausganq der Unterhandlungen abzuwarten,die Görz mit dem russischen Kaiser angeknüpft, fiel er mit zwei Heerabtei-lungen in Norwegen ein, um den König von Dänemark wegen Friedensbruchszu züchtigen. Das eine Heer, unter General Armfeld gen Drontheim ziehend,erlag größtenteils beim Übergang über die Eisberge dem Frost, dem Hungerund der Ermüdung; mit dem andern rückte der König selbst nach dem Südender Halbinsel. Hier fand Karl XII. vor der Festung Friedrichsh all, die ermitten im Winter belagerte, seinen Tod. Als er bei nächtlicher Weile an eineBrustwehr gelehnt den Arbeitern in den Laufgräben zusah, ward er durch eineKugel, die wahrscheinlich von Mörderhand kam, getötet. Nun riß der schwe-dische Adel alle Gewalt an sich, indem er den rechtmäßigen Thronerben (Fried-rich vonHolstein-Gottorp) von der Regierung ausschloß und dieselbe Karls XIl>jüngerer Schwester, Ulrike Eleonore, und ihrem Gemahl Friedrich vonHessen-Kassel unter großen Beschränkungen übertrug. Von der Zeit an warSchweden nur dem Namen nach eine Monarchie; die Macht lag in den Händendes adeligen Reichsrats. Die grausame Hinrichtung des Freiherrn vonGörz und der schnelle Abschluß einer Reihe von Friedensverträgen, wo-durch Schweden gegen einige Geldentschädigungen alle auswärtigen Be-sitzungen, bis auf einen kleinen Teil von Pommern, preisgab, war der An-fang der selbstsüchtigen, um des Landes Ehre und Wohlfahrt unbekümmertenAdelsherrschast.
§. 426. Während Schweden erschöpft und gebrochen aus dem Kampfe her-vorging, stieg Rußland zur europäischen Großmacht empor. Die Er«Werbung der schwedischen Provinzen Jngermanland, Esthland und Liv-land, wozu nach einigen Jahrzehnten noch Kurland kam, wurde für Rußlandder Anfang einer neuen Zeit. So lange Moskau die Hauptstadt gewesen, warder Blick der Zaren mehr nach Asien gerichtet, mit dessen Bewohnern undSitten die Russen größere Verwandtschaft hatten, als mit den europäischen;aber seitdem Petersburg, das der abendländischen Kultur näher lag, Sitz derRegierung geworden und durch großartige Anlagen und Bauwerke in Aus«schwung gekommen, wurde Rußland ein'europäisches Reich. — Die rastloseThätigkeit des großen Kaisers führte eine gänzliche Umgestaltung herbei. Han-del und Schiffahrt wurden durch Anlegung von Landstraßen, Kanälen und