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Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen.
tz. 460 .
I77S.
Gewohnheiten und Rechte umzugestalten und durch neue Anordnungen MGeiste der Zeit zu verdrängen. Auf dem religiösen und kirchlichen Gebietgab sich dieser Zeitgeist zuerst kund in der Aufstellung des freisinnigen undgroßmütigen Grundsatzes der Duldsamkeit in Glaubenssachen, in derAufhebung des Jesuitenordens (§. 453) und der Inquisition, in der Milde-rung aller die Menschenliebe und die Menschenrechte gefährdenden Satzungen undEinrichtungen. Am wirksamsten und segensreichsten äußerte sich die neue Zeitder Humanität im Rechtswesen und in der gesellschaftlichen Stel-lung der Stände, indem man allenthalben bemüht war, die Gleichberech-tigung aller Menschen nach Möglichkeit zu begründen und die aus demMittelalter stammenden Vorrechte und Lasten zu vermindern oder aufzuheben.In vielen Ländern wurde die Leibeigenschaft gelöst, die Frondienste ab-gestellt, drückende oder entehrende Verhältnisse ausgeglichen; neue Gesetzbücherund Ordnungen der Rechtspflege hoben die grausamen Strafen einer hartenund finstern Zeit, als Folter, Rad u. dergl., auf und machten die Forderungender Menschlichkeit auch gegen Verbrecher geltend. In betreff der Staats-wirtschaft wurden in Frankreich neue Grundsätze aufgestellt, die in vielenLändern in Anwendung kämm. Nach diesen Grundsätzen ist „das Geld derHebel der Staatskunst", weshalb man vor allem danach strebte, durch Arbeitund Benutzung der natürlichen Kräfte möglichst viel bares Einkommen auf-zubringen. Hätte dies Streben einerseits zur Folge, daß Ackerbau, Bergwesen,Forstkultur u. dgl. gepflegt wurde, daß man Handel, Gewerbfleiß und nützlicheErfindungen förderte, fo führte es andererseits zu einem drückenden Zollwesen,zu königlichen Handelsvorrechten (Regie), zur indirekten Besteuerung, zu Lotte-Ad Smithxieen und zum Papiergeld. Um dieselbe Zeit begründete Adam Smith vonGlasgow durch sein Werk „über den Reichtum der Nationen" eine neue Epochein der Staatswirtschaftslehre, indem er die freie Entwickelung und Bewegungder Menschenkräfte als die Hauptquelle des Reichtums eines Staates aufstellte.
Z. 460. Der erste, der nach diesen Grundsätzen die Staatsverhältnisseumgestaltete, war Pombal in Portugal, allmächtiger Minister JosephEmanuels. Ein Mordversuch gegen den König, den man der mächtigenFamilie Tavora und den Eingebungen der Jesuiten zuschrieb, wurde benutzt,um die Mitglieder dieses Ordens gewaltsam aus Portugal zu entfernen unddann durch neue Schulanstalten und durch Verbreitung von Druckschriften dieAufklärung des Volks zu bewirken. Die durchgreifende Thätigkeit des gewal-tigen Mannes erstreckte sich über alle Teile des öffentlichen Lebens. Er ließ dasKriegswesen durch einen deutschen Feldherrn (Wilhelm von LiPP^Schaumburg) in bestem Stand setzen, er beförderte Ackerbau und Gewerb-thätigkeit, um das Volk aus dem Schmutz und der Trägheit zu ziehen; und alsin Lifsabon ein schreckliches Erdbeben 30000 Häuser zerstörte, war er uner-müdlich bedacht, die Wunden zu heilen. Mit der Kühnheit und dem durchgreifen-den Willen eines Reformators verband Pombal die Härte und Willkür einesDespoten. Alle Kerker waren mit seinen Widersachern gefüllt. Als diese unterder Regierung der schwachen Maria die Freiheit erlangten, vereinigten sie sichzum Sturze des Ministers, worauf auch die trostlosen Zustände früherer ZeitenS»-nim. wieder in Portugal zurückkehrten. — In Spanien wurden unter Karl lu-175»-' durch freisinnige Minister, wie Aranda u. a., ähnliche Versuche zur Umge-staltung der staatlichen und kirchlichen Zustände gemacht. Als die Jesuitenden Neuerungen widerstrebten, ließ Aranda in einer einzigen Nacht 5000Glieder des Ordms verhaften, ohne Unterschied des Alters oder Randes zuSchiffe bringen und gleich Verbrechern mit großer Härte nach dem Kirchen-staate schaffen. Ihre Güter wurden eingezogen, ihre Anstalten geschlossen-Darauf traf die Regierung allerlei zweckmäßige Maßregeln zur Hebung der
Portugal:
Pombal
unter
Joseph
175«-
1777.
1758.
Nov.
1755.
1788.
MäH
I7«7.